Dmitri Gluchowski · Registrierung
2.
Uljana stand auf der Straße. In ihren Ohren klingelte es. Im Mund schmeckte sie Salz. Sie öffnete die Fäuste und merkte, dass ein Nagel abgebrochen war. Etwas in ihrer Brust hämmerte und wühlte sich herum.
Vor ihr schwebte Tatjanas verzerrte, rote Fratze, diese bösen und dummen Schweinsäuglein unter den hellen Wimpern, die gelben, lückigen Zähne. Ihr Handgelenk brannte von ihren fettigen Fingern, von ihrem Griff, so hartnäckig wie Bärenklau, und ihr Geruch – sauer, widerlich – klebte noch immer an ihr, verflog nicht.
Dort in der Wohnung war Uljana einfach perplex gewesen, hatte ganz menschlich die Schnauze voll gehabt von diesem Angriff, diesem Hass, den sie weder provoziert noch verdient hatte. Dort hatten ihr weder die Worte gefehlt, um sich zu verteidigen, noch die Frechheit, noch die Zeit. Und jetzt, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen, erzählte Uljana sich, sie habe einfach beschlossen, sich nicht auf das Niveau von Saschas Mutter herabzulassen, nicht auf ihr widerliches Geschrei, ihre verbotenen, unfairen Schläge – und sei darüber erhaben geblieben. Aber es fühlte sich an, als hätte man sie beschmutzt, fast vergewaltigt. Als hätte sie blind etwas ungeheuer Wichtiges verloren, vielleicht ihre Ehre, vielleicht ihre Hoffnung – und erst jetzt erfahren, was sie in diesem Spiel aufs Spiel gesetzt hatte.
Und besonders widerlich war, dass Tatjana sie ausgerechnet vor den Fotos ihres Sohnes hatte demütigen wollen und er Uljana nicht vor seiner Mutter hatte beschützen können. Und diese Vorwürfe von ihr … War sie etwa wegen des Geldes dorthin gekommen?
Was für Geld?
Sie hatte sich in all dem einfach nicht allein fühlen müssen. Sie hatte hören müssen, dass man sie wenigstens jetzt, mit Saschas Kind in sich, annahm. Allein hatte sie Angst, es zu behalten; sie wollte sich vergewissern, dass nicht nur sie auf der ganzen Welt dieses Kind brauchte, von dem es bisher kaum einen Schatten in der Zukunft gab, nur ein vages Gefühl tief unten im Bauch, das noch keine Augen und kein Lächeln hatte und von dessen Existenz sie als Dokument nur zwei blaue Striche vorweisen konnte – und das doch schon dabei war, ihr ganzes Leben umzupflügen und neu zu ordnen.
Uljana hatte ihr dieses Korn in beiden Händen getragen, kaum gewagt zu atmen, ihrer eigenen Mutter noch gar nichts erzählt, aber Saschas Mutter als Erste eingeweiht: Nehmen Sie es an, Tatjana Nikolajewna! Wie eine Katze, die ihren Besitzern die neugeborenen Kätzchen bringt. Und statt eines Segens: ein Eimer Jauche. Sofort ging es ums Geld. Und dann: Was hast du vor? So ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, für Dumme. Ist die nicht eine Schlampe?
Schließlich dachte sie an Sascha. Sie rief ihn an. Niemand ging ran.
Über Kinder hatten sie mit Sascha nie gesprochen. Sascha war selbst noch bartlos, nannte Uljana seine erste ernsthafte Beziehung, und als ob er nicht geahnt hätte, womit solche Beziehungen gewöhnlich enden.
Sascha ist ein guter Junge. Es fiel schwer, ihn wirklich ernst zu nehmen, weil er drei Jahre jünger war, weil er keinen richtigen Job hatte – wir rollen Rundes und schleppen Flaches, das war so unsere Beschäftigung –, und weil er als Bildung nur Schule und Berufsschule vorzuweisen hatte; kein Prinz im BMW, keiner von denen, die Stabilität ausstrahlen. Im Grunde war seine einzige gute Eigenschaft seine Gutmütigkeit … Wie hatte er sich mit dieser Gutmütigkeit nur zum Krieg verpflichten lassen? Muttern hatte ihn weichgeklopft.
Sollte Uljana so einem Jungen ein Kind gebären?
Und wenn er dort tot dalag – dann schon?
Wenn von ihm nur das hier übrigblieb, von Sascha – diese Hälfte, die in ihr heranwuchs, und sonst nichts? Wenn sie ihn nie fanden? Oder wenn sie ihn fanden und in einem schwarzen Sack nach Hause schickten? Was dann?
Inzwischen ging Uljana die Straße entlang, blindlings, aufs Geratewohl, und wich den Menschen und Autos im allerletzten Moment aus. Sie hatte freie Zeit – sie hätte nicht gedacht, dass das Gespräch mit ihrer Schwiegermutter so schnell vorbei sein würde. Ihre Beine trugen sie von selbst zum Einkaufszentrum: Dort tröstete sie sich sonst immer mit irgendetwas.
Auf dem Platz stand ein Eiswagen. Die von der Sonne ermattete Verkäuferin ließ die Schlange träge an sich vorbeiziehen. Plötzlich bekam Uljana heftige Lust auf Schokoladeneis, um die Bitterkeit zu versüßen. Seltsam: Eigentlich war ihr Zucker ziemlich egal, doch jetzt war es, als hätte jemand sie am Kragen gepackt und in die Schlange gestellt.
Sie rief Sascha an.
Ihr Blick blieb an der riesigen Werbetafel hängen, die alle als Erstes vor dem Einkaufszentrum empfing. Die Tafel war blau wie der Hintergrund einer Nachrichtensendung im Fernsehen, und auch darauf wehte die Trikolore. Im Vordergrund stand ein Junge in irgendeiner filmreifen Tarnuniform und blickte mit schönen Augen in die Ferne, an Uljana vorbei. Wahrscheinlich war er insgesamt ein Schönling, aber sein Gesicht verbarg eine Sturmhaube, darüber trug er einen Luxuskampfhelm mit Staubschutzbrille, wie die amerikanischen Spezialeinheiten im Kino. Wo hatten sie den denn her? Auf Saschas Fotos waren die Soldaten ganz anders eingepackt, ganz schlicht.
Auf dem Plakat standen auch Worte darüber, dass man sich den eigenen Leuten anschließen sollte, und Zahlen – 5500000, Rubel, und zwar nur für das erste Dienstjahr. In den Händen hielt der Schönling ein Maschinengewehr, auch irgendwie besonders, auch schön.
Fünf Millionen fünfhunderttausend, las Uljana mit ihrer inneren Stimme. Wie viel war das überhaupt? Für vier Millionen konnte man eine Wohnung kriegen, wenn es eine bescheidenere am Stadtrand sein durfte, und dann sein ganzes Leben ruhig darin wohnen. Und wenn man das durch siebzigtausend teilte, ihr monatliches Einkommen mit Trinkgeld, wie viel war das dann? Sieben mal sieben macht neunundvierzig, sieben mal acht sechsundfünfzig … Achtzig Monate. Was hieß das, müsste sie sieben Jahre dafür schuften? Kam hin, sieben. Und für irgendeinen Wachmann, der höchstens dreißigtausend im Monat kriegt, wären es gleich fünfzehn Jahre.
Da war es also, das Geld. Ein Haufen Kohle. Guten Tag, Tatjana Nikolajewna.
»Gnädige Frau, Sie halten die Schlange auf«, sagte die Eisverkäuferin streng.
Uljana kam wieder zu sich. Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht gemeint war. Vor ihr war irgendeine Oma steckengeblieben, die ihre paar Kopeken nicht zusammenzählen konnte. Sie starrte auf ihre schwielige, von Linien durchzogene Handfläche: Darin lagen weiße und gelbe runde Münzen.
»Omi, was darf’s sein? Soll ich helfen?«, bot Uljana an.
»Die verschwimmen«, gestand die Alte hilflos. »Ich nehme ›Sowjetisches‹, das im Becher. Für hundert Rubel.«
Wie eine Elster pickte Uljana mit den Nägeln Münzen aus ihrer Handvoll, legte noch selbst einen Fünfer dazu und machte die Alte glücklich. Dann war sie an der Reihe.
»Eine Schokoladentüte, Magnum.«
Sie leckte an der Waffel. Die Luft roch nach Benzinabgasen und Flieder, ein warmer Wind bewegte die Birkenbesen, die Sonne war nicht wütend, sondern sanft. An solchen Tagen schien es, als lohne sich das Leben. Das Eis tat, was Eis tun sollte: Es kühlte und versüßte.
»Geh doch einfach zum Teufel, und gut ist«, sagte Uljana zu der imaginären Tatjana Nikolajewna als letztes Wort ihres Streits. »Gerade dir zum Trotz behalte ich es.«
• • •
Das Wehrkreiskommando lag in der Tscheljuskintsew-Straße, hinter einem Zaun und Fichten, und sah aus wie ein gewöhnliches vierstöckiges Haus aus hellen und braunen Ziegeln. Nichts Feierliches, nichts Bedrohliches war an ihm. Auch der Zaun war niedrig und durchsichtig, aus dünnen Eisenstangen zusammengeschweißt, als würde er einfach einen Park abgrenzen. Es war das übergeordnete, regionale Wehrkreiskommando. Das städtische in der Maltsew-Straße, schäbig und verdreckt, hatte Tatjana schon ausgeschöpft: Dort hatten sie sich immer nur herausgeredet. Man hatte sie hierhergeschickt, eine Etage höher.
Neben dem Tor ragte nur ein Plakat auf: »Ich glaube an mich, denke an die Zukunft, diene Russland!« Darauf vier Kämpfer in Schutzwesten und seltsamen Helmen mit eckigen Brillen, wie Motorradbrillen. Das Plakat war blau, die Uniform grün, die Flagge rot, aber der Regen hatte alles ausgewaschen, sodass alles blau und rosa geworden war und die Gesichter der Soldaten nicht mehr zu erkennen waren, wie auf Schwarz-Weiß-Fotos vom vorletzten Krieg.
Vor der Eingangstreppe rauchten kahlgeschorene Jungs und gaben sich großspurig, rauchten und scherzten dickbäuchige Onkel in kurzen grünen Jäckchen mit Schulterklappen, während die Mutter von irgendwem mit verweintem Gesicht stumm ins Leere starrte. Eine Familie war gekommen, um einen Mann mit einer versoffenen Fratze zu verabschieden – verängstigte blonde Kinder, eine mürrische, beleibte Frau, alle schwiegen.
Tatjana bahnte sich ihren Weg mitten durch sie hindurch, wie sie es schon kannte. Dem Diensthabenden sagte sie streng, sie müsse in die Kanzlei; in der Kanzlei sagte sie, sie habe bereits einen Antrag gestellt, nachdem Sascha drei Wochen verschwunden gewesen sei, und sei schon beim stellvertretenden Wehrkreiskommandeur gewesen, deshalb müsse sie jetzt zum Wehrkreiskommandeur selbst. Dort schnitt man ihr sofort ab, dass sie nicht zum Wehrkreiskommandeur vorgelassen werde, aber der Stellvertreter werde sie noch einmal empfangen, na gut, wenn sie schon gekommen sei.
Aus dem Gedächtnis ging sie die beigefarbenen Flure entlang – leicht rosig, als hätte jemand einen Tropfen Blut in die Farbe geträufelt; sie stieg eine Etage hinauf, setzte sich in die Warteschlange und betrachtete die Plakate und Porträts. Der junge Putin runzelte dort unter einer Marinekappe mit Ohrenklappen die Stirn, eine Formation Marinesoldaten schrie lautlos »Hurra!«, und die Gardesoldaten streckten beim Kreml-Aufmarsch die Fußspitzen. In einer Ecke hockte eine dürre Schaufensterpuppe mit Gasmaske und in einer Uniform wie der, die Sascha beim Abschied getragen hatte – sackartig; und die Tarnuniform war lächerlich, sie würde überhaupt nichts tarnen. Offenbar hatte man sie zur Zierde hingestellt.
Vor Tatjana saßen in einer Reihe Weiber, und alle sahen ihr irgendwie ähnlich. Stämmig, rotgesichtig von der Gartenarbeit. Es roch nach Zwiebeln und Frauenschweiß. Bei einer stand eine Tüte zwischen den Füßen, aus der eine Flasche Kognak hervorlugte, bei einer anderen ein Pralinenkarton. Tatjana war mit leeren Händen gekommen. Sie hatte nicht vor, hier jemanden zu bestechen. Ihr stand das alles ohnehin zu.
Sie wurde aufgerufen.
Das Büro war mit Furnier verkleidet, hinter dem Stellvertreter hing Putin im Anzug vor einer Flagge, nun erwachsen geworden – es waren wohl schon fünfzehn Jahre vergangen, seit er die Marinekappe getragen hatte. Die Schreibtische sahen aus wie Schulbänke; an einem saß der stellvertretende Wehrkreiskommandeur selbst, gelb, drahtig, mit Schnurrbart, am anderen ein weiterer Militär, glatt rasiert, jünger, rundlicher und rosiger: Auch der Stellvertreter hatte seinen eigenen Stellvertreter. Vor dem Schnurrbärtigen war der Tisch frei; der Glattrasierte saß vor einem Computer mit schwarzem Bildschirm, von hinten sah er einem Grabstein ähnlich.
»Wann haben Sie den Antrag gestellt?«, fragte der Schnurrbärtige.
Natürlich hatte er in zehn Tagen alles vergessen – Tatjana und auch, für wen sie gebeten hatte. Aber sie erinnerte sich gut an ihn.
»Ein Monat ist vergangen«, sagte sie. »Mehr.«
»Lasarenko?«, wiederholte der Glattrasierte und tippte auf den schwarzen Tasten.
»Alexander Witaljewitsch Lasarenko. Am Telefon sagen sie einfach gar nichts.«
»Bisher gibt es keine Informationen, Genosse Oberstleutnant«, erklärte der Glattrasierte nicht Tatjana, sondern seinem Vorgesetzten. »Also, das Letzte, was vorliegt: Am neunundzwanzigsten Mai zweitausendfünfundzwanzig ist er zur Durchführung von Kampfaufgaben im Gebiet der Ortschaft Tschassiw Jar aufgebrochen, als Teil der motorisierten Schützeneinheiten der Zweiten Armee, genauer gesagt …«
»Das weiß ich alles. Aber was ist mit ihm passiert? Was ist denn passiert?«
»Ich lese Ihnen doch vor, was hier steht.«
»Und bei der Einheit sagt man auch nichts, verstehen Sie?«
»Na, wenn sie nichts zu sagen haben. Was wollen Sie, dass sie Ihnen sagen?«
»Dass er lebt.«
»Nun ja, da …« Der Oberstleutnant hob die Hände.
»Oder, wenn etwas passiert ist, sollen sie es auch sagen! Einfach so nichts zu wissen, das ist schwer, verstehen Sie?«
»Wir verstehen, wir verstehen.«
Der Stellvertreter des Stellvertreters stand auf, streckte sich, tastete in einer Schublade herum und fand ein rotes Plastikfeuerzeug. Er schnippte mit dem Rädchen, der Geruch nach Feuerstein stieg auf.
»Raucherpause, Pawel Semjonitsch?«
»Ja, eine Minute«, zwinkerte ihm der Chef zu.
»Was ist das für ein Umgang?«, empörte sich Tatjana. »Ich habe Ihnen meinen Sohn anvertraut!«
»Hören Sie … Tatjana … Nikolajewna …« Er sah auf dem Zettel nach. »Das ist Krieg, was stellen Sie sich denn so an? Suchen wir ihn etwa nicht? Wir suchen ihn. Wenn wir ihn finden, geben wir Bescheid. Manche warten hier ein halbes Jahr, und es passiert nichts, sie halten es aus. Andere noch länger!«
Auch er begann aufzustehen, um Tatjana zu verstehen zu geben, dass das Gespräch beendet war, aber sie blieb stur sitzen; sie durfte nicht so gehen. Während ihr der Mut entglitt, wurde sie fahrig:
»Na, dann können Sie mir vielleicht wenigstens eine Bescheinigung ausstellen?«
»Was für eine Bescheinigung?«
»Dass er vermisst wird. Bei der Stiftung hat man mir gesagt, ohne Bescheinigung könnten sie nichts machen.«
»Er gilt vorerst nicht als vermisst«, antwortete der Oberstleutnant, zog bereits eine Zigarettenschachtel aus der Tasche und schnupperte ungeduldig am Tabak. »Was ist das für eine Stiftung?«
»Damit wir die Versicherungsleistung bekommen.«
»Ach … Na ja. Die Versicherungsleistung.« Er lächelte freudlos, als hätte Tatjana ihn plötzlich enttäuscht. »Verstehe. Und warum haben Sie es so eilig?«
»Die Sache ist, wir haben eine Hypothek aufgenommen«, sprudelte Tatjana jetzt richtig los. »Sascha, Alexander, sollte uns jeden Monat Geld schicken, vom Sold. Jetzt hat der zweite Monat angefangen. Wir haben doch alles durchgerechnet, verstehen Sie? Wir müssen zahlen, die Bank verlangt es … Wenn wir eine Bescheinigung hätten, könnten wir wenigstens die Versicherungsleistung bekommen und die Hypothek abbezahlen. Wie sollen wir denn ein halbes Jahr warten?«
»Erst nehmen sie Hypotheken auf und dann jammern sie«, schüttelte der Glattrasierte missbilligend den Kopf. »Immer nur Geld, Geld … Dabei erfüllt er dort seine Pflicht! Dem Land gegenüber, nebenbei bemerkt!«
»Ich verstehe, dass es seine Pflicht ist, sage ich denn etwas anderes … Wir sind stolz!«
»Na eben. Wir können Ihnen vorerst nichts ausstellen«, sagte der Oberstleutnant und hob die Hände. »Keine Bescheinigung. Denn er ist bei Ihnen nicht vermisst, sondern abwesend und gilt als unbekannten Aufenthalts.«
»Ist das denn nicht dasselbe?«, schrie Tatjana auf, überzeugt, dass man sich über sie lustig machte.
»Das sind verschiedene Dinge!«, hob auch der Glattrasierte die Stimme. »Es gibt ein Verfahren. Verschwunden ist er, ja, aber eine Bescheinigung können wir erst ausstellen, wenn wir ihn nicht gefunden haben. Solange man noch sucht, können wir sie nicht ausstellen. Es wird noch gesucht, ist das klar? Dort suchen sie noch, und Sie setzen hier schon einen Schlusspunkt hinter Ihren Sohn!«
»Ich setze keinen Schlusspunkt! Habe ich nie getan und tue ich nicht!«
»Na also, dann ist ja alles gut. Schön und gut«, sagte der Schnurrbärtige beschwichtigend.
»Und was soll ich denn machen?«, brachte Tatjana verwirrt und flehend hervor.
»Na ja …« Der Oberstleutnant stand bereits an der Tür, hatte sie schon geöffnet und wies Tatjana mit der Hand auf den Ausgang. »Wenn Sie nicht auf uns warten wollen, können Sie vor Gericht gehen. Aber das dauert auch.«
»Ich habe meinen Sohn hingeschickt, verstehen Sie?«, gab sie sich völlig geschlagen.
»Na klar haben Sie Ihren Sohn hingeschickt.« Der Schnurrbärtige zog die Mundwinkel nach unten. »Hier sind schließlich alle jemandes Söhne!«
• • •
Sie rauchten wieder jede ihre eigene Sorte, blickten auf die fernen Kreuze jenseits des Flusses. Der durchsichtige Himmel nahm nirgends ein Ende, hinter den Häusern grollten auf der breiten Straße die Autos, und die Luft hatte genau jene angenehme Temperatur, bei der man den albernen Körper vergessen konnte, der ständig fror oder schwitzte, und denken, man sei einfach eine körperlose Seele. Solche Tage gab es in Wologda im Jahr höchstens einen Monat lang, und es war sehr schade, sie im Keller zu vertrödeln.
Kris konnte nicht lange böse sein. Schon am nächsten Tag war ihr Gedächtnis zurückgesetzt, und sie lieferte Uljana wieder ihren täglichen Bericht.
»Er lädt mich also aufs Land ein«, erzählte sie. »Fürs Wochenende. Damit ich sozusagen seine Eltern kennenlerne.«
»Wow. Echt?«
»Stell dir vor.«
»Na, das ist doch ein Fortschritt! Für Stiere steht diesen Monat übrigens eine gute Liebesprognose, ich hab für dich nachgeschaut.«
»Spuck’s lieber aus.«
Uljana sagte brav »Toi, toi, toi«, lächelte Kristinka an und strich ihr über das rabenschwarze Haar. Auch sie schaffte es nie, lange auf Kris böse zu sein.
»Ist es nicht blöd, dass er so begriffsstutzig ist?«
»Wie meinst du?«
»Na, dieses … Er sagt: Sag Bescheid, wenn du irgendwas brauchst …«
»Hör zu … Wenigstens fragt er nach. Da ist was, mit dem kann man arbeiten.«
»Na, dann toi, toi, toi.«
»So sei es!«
Kristina lachte und bekreuzigte sich zum Spaß in Richtung der kreuzförmigen Kuppeln der Mariä-Entschlafens-Kirche jenseits des Flusses.
Kristina war fünfundzwanzig, Uljana dreißig. Fünf Jahre mehr an Fehlschlägen mit Männern, an Puzzleteilen, die sich aus dem einen oder anderen Grund nicht zusammenfügten: ungerechtfertigte Kränkungen, nicht eingehaltene Versprechen, unverziehene Lügen, enttäuschte Hoffnungen. Fünf Jahre schwerer, daran zu glauben, dass es diesmal klappt, dass ein zufälliger Mensch sich als der Richtige erweist, dass die alberne Puppenphase, die sich schon viel zu lange hinzieht, endlich endet und endlich die lang ersehnte Schmetterlingsphase beginnt. Aber Kristinkas hundemäßige Freude, ihre kindliche Bereitschaft, alle bisherigen Enttäuschungen abzuhaken und wieder daran zu glauben, dass es diesmal ganz bestimmt echt ist, sprang auch auf Uljana über; ihr wurde warm ums Herz und aufregend zumute, wenn sie an ihre Freundin dachte. Neid war keiner da. Nur der Wunsch: Möge es wenigstens bei einer von ihnen beiden menschlich laufen.
Sie rauchten zu Ende. Uljana rief Sascha an.
Sie standen noch eine Weile da, jede in ihr eigenes Telefon vertieft.
»YouTube funktioniert überhaupt nicht«, klagte Uljana.
»Ach, Omi, echt jetzt?«, wandte sich Kristinka von ihrem Handy ab. »Du hast kein VPN, oder? Gib her, ich installier dir eins. Dann läuft YouTube wie geschmiert und du kommst an das ganze verbotene Zeug ran. Ich installier dir auch noch so eine amerikanische KI, einen Chatbot. Der findet alles, was Yandex nicht hergibt, und die Bullen kriegen nichts mit. Die verbieten jetzt bald sowieso alles, dann gibt’s für dich weder Pornos noch Instagram, nur noch Gosuslugi, und das war’s, Arschkarte.«
»Die gehen mir echt schon verdammt auf den Sack«, stimmte Uljana zu und gab ihr das Handy.
Kristina tippte mit ihren Katzenpfötchen irgendwo darauf herum, die Krallen eingezogen, formte mit den Lippen ein O und dachte nach.
»Welches Land soll ich einstellen?«, fragte sie. »Also, von wo aus bist du online?«
»Außer Russland?«
»Na, such dir irgendein normales Land aus. Die Staaten? Frankreich?«
»Ach …« Uljana überlegte. »Na gut, dann Frankreich.«
»Ausgezeichnete Wahl«, sagte Kris und ließ einen Hauch von Melonenduft entweichen. »So, kannst davon ausgehen, dass du schon dort bist. Teleportiert.«
»Stell dir vor, wenn das wirklich ginge. Zack … und du bist in Paris.«
»In Paris, am Arsch«, sagte Kristinka. »Nicht in diesem Leben.«
»Na, dann eben so.« Uljana nahm das eingerichtete Handy von Kristina entgegen. »Merci vielmals.«
Der Tag war völlig leer, Freitage im Sommer waren immer so: Wer einfacher lebte, fuhr aufs Land, in die Gärten, mähte und bewässerte; wer Geld und Macht hatte, ließ seine Wut an den Tieren in den Jagdrevieren aus. Die Spas sammelten im Winter Fett an, wenn es draußen mies und dunkel war.
Doch gegen sieben klirrte oben eine Tür, und auf der Treppe erklangen Schritte – der steinerne Tritt eines Betrunkenen. Uljana drehte den Kopf und sah Lackschuhe. Glänzende. Größe sechsundvierzig, wahrscheinlich.
Dann schob sich ein schwerer Schädel in den Keller – wie ein Fuchs, der in den Bau der Feldmäuse späht. Er schnupperte und zog seine fetten Lippen zu einem breiten Grinsen auseinander: angeblich ein Lächeln. Der Mund war groß. Dem Schädel gefiel, was er dort sah.
Im Anzug, mit Krawatte. Das Hemd spannte über dem Bauch wie eine Glocke. Glattrasiert.
»Guten Tag, Schönheiten!«, sagte er auf eine Weise, die Lust machte, »Zu Befehl!« zu antworten, obwohl er Zivil trug.
Er tat, als wäre er vergnügt, aber man konnte sich unmöglich auf diese Fröhlichkeit einlassen. Vielleicht weil seine Augen nicht mitlachten, vielleicht auch, weil nur er selbst verstand, was daran so lustig sein sollte. Kristinka lächelte höflich, Uljana nicht. Das Viertel lag zentral, überall verstreut standen Institutionen, und nicht in allen arbeiteten freundliche Leute.
»Eine kleine Massage wär nicht schlecht. Mein Rücken ist verspannt. Machen Sie das?« Er ließ die Muskeln spielen; seine Schultern waren die eines Ringers.
»Rücken siebzehnhundert«, nannte Uljana den Preis. »Ganzkörpermassage dreitausend. Mit Wärmeanwendung macht’s dreitausendsiebenhundert.«
»Dann machen wir ganz, mit Wärmeanwendung, das volle Programm.« Jetzt grinste er ganz gezielt Kristina an und sah Uljana nicht mehr an. »Aber ordentlich aufwärmen.«
Kris sprang vom Sofa und steckte das Handy in die Tasche ihres Arbeits-Overalls. Der Overall saß prächtig an ihr, genau entlang all ihrer Rundungen, obwohl er ernst, ja eher streng wirkte – so, wie es sich für medizinisches Personal gehörte.
»Bitte kommen Sie in den Massageraum«, schnurrte sie. »Da gibt’s einen kleinen Vorraum, Sie können sich ausziehen und dann auf die Liege.«
Der Kunde quetschte sich an Uljanas Empfangstresen vorbei und hüllte sie in eine schwere Mischung aus Schweiß, Schnapsfahne und eingezogenem, ranzigem Zigarettenrauch: Er sah anständig aus, roch aber wie ein Marschrutka-Fahrer. Sein Blick glitt noch einmal über den Empfangsbereich, wachsam, als würde er sich alles einprägen – also, hier der Eingang, hier das Telefon, eins, zwei, drei Behandlungsräume … Dann tauchte er im Massageraum unter, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Uljana blieb am Empfangstresen vor dem Computer sitzen. Sie nahm den Hörer ab und rief ihren Chef an.
— Anatoli Sergejewitsch? Aha. Uljana. Na, da ist noch einer. Drei-siebenhundert, komplett. Na, dann sind’s heute allein zwölf Tausend. Was soll man machen. Na, was soll ich denn tun? Ja. Sommer, na. Und das auch noch! Ja, ich verstehe. Ich kümmere mich drum, aha. Na, gut.
Wenn ein Kunde für drei-siebenhundert bucht, fällt es ihm auch nicht schwer, dreihundert Trinkgeld dazulassen. Das teilen Kris und ich wie immer unter uns auf. Ist natürlich nicht die Welt, aber immerhin. Für ein Eis.
Uljana fuhr ziellos mit der Maus über den Bildschirm. Dann tippte sie ein: „mein Freund ist in der militärischen Spezialoperation verschwunden was tun“. Die Treffer spuckten Antworten aus, von den ersten zehn waren neun identisch: „Wie man Kontakt zu einem Soldaten der militärischen Spezialoperation aufnimmt, der vermisst wird oder sich nicht meldet. Vorgehensweise“.
Vorgehensweise. Vorgehensweise. Warum gerade Vorgehensweise, warum dieses seltsam mechanische Wort für so eine Situation? Vielleicht, um einen zu beruhigen? Die Vorgehensweise war folgende: Vergewissern Sie sich, dass der Soldat tatsächlich vermisst wird und nicht bloß keinen Empfang hat. Warten Sie einen Monat oder sechs Wochen. Rufen Sie die Hotlines des Verteidigungsministeriums an … den Unterstützungsfonds für Teilnehmer der militärischen Spezialoperation … das Wehrkreiskommando … Wenn die Ehefrau sich meldet, ist eine Heiratsurkunde erforderlich, bei den Eltern eine Geburtsurkunde …
Eltern oder Ehefrau. Und wer war sie für Sascha?
Niemand.
Da quietschte es dumpf aus der Tiefe, hinter der geschlossenen Tür des Massagesalons. Uljana wandte den Blick von der nutzlosen Anleitung ab und spitzte die Ohren. Wieder. Ein Mädchenkreischen.
Uljana richtete sich halb auf. Hinter der geschlossenen Tür geschah irgendetwas, das ganz bestimmt nicht geschehen sollte.
— Kris? — rief sie. — Alles in Ordnung?
Sie antwortete nicht, und Uljana sprang hinter dem Tresen hervor und ging in den Flur. Doch da flog die Tür des Massageraums von selbst auf, und Kristina stürzte heraus — mit verzerrtem Gesicht und riesigen Augen.
— Sag du’s ihm, Uljan! Sag du’s ihm!
Sie rannte zu Uljana und klammerte sich an sie, als wäre sie ihre Mama, um sich zu verstecken. Hinter ihr kam der Kunde heraus — ein Riese, mit roten Haaren auf der Brust und über dem trommeldicken Bauch, auf elefantenbeinigen Stelzen und mit einem elastisch wippenden, hochgereckten Schwanz. Der Schwanz zielte auf beide. Uljana schob Kristinka hinter sich und versperrte mit ihrem Körper den Flur.
— Mein Herr! Ziehen Sie sich sofort an! — befahl Uljana ihm streng und kühl, wie eine Kindergärtnerin.
— Na, was ist denn, Dummchen, hast du dich etwa erschreckt? — fragte der Kunde durch Uljana hindurch, ohne sie überhaupt wahrzunehmen, Kristina. — Na komm, ich leg noch einen Tausender drauf, dann macht’s mehr Spaß!
— Sag du’s ihm, Uljan! Sag ihm, dass das hier keine Wichsbude ist! — bat Kristina atemlos.
— Anziehen und raus, — sagte Uljana abgehackt.
— Was hab ich denn verlangt? Ich hab doch nur gebeten, dass sie mir einen runterholt, Herrgott nochmal. Und ihr macht hier gleich so ein Theater.
Er ging nicht. Er lachte sie aus, fletschte die Zähne, und sein Schwanz erschlaffte trotz Uljanas Strenge nicht — im Gegenteil, die schien ihn wohl noch anzustacheln.
Ob aus Angst, wegen seiner Selbstsicherheit oder weil er sie beide so unverhohlen wie Fleischstücke anstarrte — Uljana brüllte ihn an, dass ihr selbst die Ohren dröhnten.
— Sofort die Hose an und raus hier! Das hier ist kein Puff, hast du’s nicht kapiert?!
— Wie soll das gehen? Überall ist’s ein Puff, und hier ist es auf einmal keiner?
Der Kunde machte noch einen Schritt auf sie zu. Kris hielt es nicht mehr aus und flüchtete hinter den Tresen. Uljana verschränkte die Arme vor der Brust und blieb stehen. Die Wut darüber, dass man sie schon wieder als Hure abstempelte, ließ sie nicht zurückweichen.
— Soll ich die Polizei rufen?!
Das amüsierte ihn nur noch mehr.
— Ich ruf dir die Polizei, du blöde Kuh. Und die Gesundheitsbehörde gleich mit. Und dann machen wir euren Saftladen im Handumdrehen dicht. Dann habt ihr kein Häuschen mehr, dann geht ihr an der Landstraße anschaffen.
Sie riss das Telefon hoch, tat, als würde sie wählen, und ließ ein paar Tasten piepen. Erst da drehte er sich um und verschwand durch die Türöffnung. Uljana sah zu Kristina zurück: Keine Angst, wir schaffen das, wir haben schon ganz andere gesehen und fertiggemacht. Kristinka lächelte sie traurig und dankbar an — kam aber hinter dem Tresen nicht hervor, solange nicht wirklich alles vorbei war.
Aber vorbei war noch gar nichts.
Der Kerl kam wieder in den Flur. Wieder nackt. In der Hand hielt er ein rotes Büchlein, seinen Ausweis, und hielt es Uljana direkt vors Gesicht. Darin waren sein Fratzengesicht und hüpfende Buchstaben: irgendwas mit Gouverneur, irgendeine Verwaltung, Stempel, Unterschriften.
— Kannst du lesen? Dann lies.
Uljana konnte all diese Zeichen nicht entziffern; sie waren vor ihren Augen zerlaufen und ineinandergeflossen. Doch der Sinn ergab sich ohnehin nicht aus ihnen, sondern aus dem Adler auf dem Einband, dem Adler auf dem Stempel, dem Wort „Verwaltung“, aus der Dreistigkeit dieses Kerls und seiner Schamlosigkeit.
— Na, überzeugt? — Er schnippte ihr mit dem Ausweis vor der Nase herum.
— Wir dürfen diese Dienstleistungen hier wirklich nicht anbieten, — sagte Uljana leise, die Kehle war ihr zugeschnürt. — Wirklich nicht.
— Na, dann hör jetzt mal zu. Wenn du nicht so frech gewesen wärst, Süße, wäre ich vielleicht gegangen. Aber jetzt gehe ich nicht. Wenn sie nicht will, — der Kunde musterte Uljana abschätzig, — kannst du für sie einspringen, von mir aus. Eine Minute zum Überlegen.
Er drehte sich um; seine schlaffen Arschbacken wackelten würdevoll, als er gemächlich zurückschritt. Unter seinem Zentnergewicht knarrte die Massageliege.
— Scheiße, — flüsterte Uljana und sah zu Kristinka zurück.
— Wer ist das überhaupt?
— Wer wohl! Was tust du denn so, als wärst du ein kleines Kind? Von da oben! — Sie nickte nach oben.
Sie drehte sich mit dem ganzen Körper zu Kristina um und starrte sie an. Mit so einem Ausweis konnte der Mann ihren Salon natürlich dichtmachen. Und Schlimmeres konnte er auch anstellen. Die Polizei zu rufen, wäre hier tatsächlich sinnlos. Es blieb nur die Hoffnung, dass er zu faul wäre, sich die Mühe zu machen. Doch an seinen eingesunkenen Augen und den dicken, zum Lächeln verzogenen Lippen erkannte Uljana: Der würde sich die Mühe machen. Der hatte Blut geleckt: Er wollte sie erniedrigen.
— Kris … — Uljana neigte den Kopf.
— Was soll das heißen, „Kris“? Was soll das heißen?! — flüsterte sie verzweifelt. — Ich mach das nicht! Ich will nicht! Der ist widerlich!
— Widerlich, — stimmte Uljana zu. — Hab ich denn gesagt, er wäre nicht widerlich? Aber dann sind wir erledigt, Kristina. Aus und vorbei.
Sie hatte es laut ausgesprochen, und erst jetzt begriff sie selbst, was das bedeutete, und bekam richtig Angst. Was war schon dabei, dachte Uljana plötzlich. Was wollte er denn schon … Sie könnte hingehen und ihm schnell einen runterholen. Wozu sich als Unschuldige aufspielen? Und wenn der Laden tatsächlich dichtgemacht wurde? Sie legte die Hand auf den Bauch. Und dann? Wohin? Wie sollte sie die Miete bezahlen? Wer würde sich ihrer, Uljana, erbarmen?
Hilflosigkeit — das war es, was sie fühlte. Es war, als träte man vor einen heranrasenden Güterzug mit hundert Waggons und zehntausend Tonnen, der einen warnend anhupte, aber ganz sicher nicht anhalten würde. Uljana wusste, dass Züge selbst dann nicht anhielten, wenn sie Menschen überfuhren; es hatte keinen Sinn. Zack — weiter ging’s: Im Bahnhof würde man den Zug waschen. Und ausgerechnet Kristinka hatte sie vor den Zug gestoßen.
Idiotin.
— Ich mach das nicht! Ich bin keine Hure!
— Mädels! — brüllte der Mann aus dem Massageraum. — Ich werd ungeduldig!
Kristinka fing an zu weinen.
— Ich bin auch keine Hure, — seufzte Uljana.
Mit der linken Hand auf dem Bauch ging sie in den Flur und den Flur entlang, auf Beinen aus Holz. Sie blieb in der Tür des Massageraums stehen. Sah auf seine auseinandergeklappten Fleischmassen, seine herabhängenden Backen, die zugeschwollenen Glotzaugen. Vor Ekel wurde ihr übel; sogar die Angst ließ nach.
— Heute wird nicht mehr gearbeitet, — sagte sie leise, aber endgültig, und klickte den Lichtschalter, sodass es dunkel wurde. — Hose an und raus.
Dafür fühlte sie sich wie ein Mensch.
• • •
Tatjana ging zuerst hinein, Vitalja hinter ihr. Sie schaute nach rechts und links; sie hatte gedacht, um die Warteschlange würde sie kämpfen müssen, aber es war niemand da. Der nutzlose Kasten mit dem Bildschirm zur Ausgabe von Wartenummern stand verstaubt herum. Der Kasten war in Firmenrot, ebenso der Schalter mit der Angestellten, deren kokette Krawatte nach Pionier aussah, und das Bankwappen über ihrem Kopf. Die Decke war niedrig, schmutzig, aus Styropor, in Quadrate unterteilt, und anstelle eines davon klaffte ein quadratisches Loch.
Die Angestellte langweilte sich und tippte auf ihrem Handy herum.
— Also! Gnädige Frau, — begrüßte Tatjana sie. — Ihre Bank ruft mich ständig an und schickt SMS. Dass ich mit den Raten im Rückstand bin. Heute haben sie schon nur zweimal angerufen!
— Können Sie es mir zeigen?
Sie gab dem rot uniformierten Mädel ihr Telefon und zeigte ihr die Droh-SMS von der Bank. Die las sie durch.
— Oh. Na, dann da drüben, in die Abteilung für Hypothekenkredite.
Die ganze Abteilung bestand aus einem roten Tisch und zwei Plastikstühlen. Den dritten, für Vitalja, mussten sie aus der Abteilung für Verbraucherkredite holen. Eine andere, genauso junge Frau kam, kaute ihr Sandwich zu Ende, setzte sich. Sie sah sich den Pass an, blätterte in irgendwelchen Papieren und öffnete ein Tabletchen.
— Sie sind hier schon seit zwei Monaten im Rückstand. Bei uns läuft ja alles automatisch. Klar, dass die Nachrichten rausgehen.
Auch ihre Stimme klang automatisiert, und Tatjana wusste mit ihrem untrüglichen Gespür: Sie hätten sich den Weg sparen können. Aber versuchen musste man es ja.
— Unser Sohn ist in der militärischen Spezialoperation, — erzählte Tatjana ihr.
Die junge Frau sagte dazu nichts, sondern wartete nur ab, was Tatjana als Nächstes vorbringen würde.
— Wir zahlen von seinem Sold. Aber der kommt nicht. Er ist verschwunden!
— Das tut mir leid, — antwortete das Mädchen gleichgültig, — aber die Verzugszinsen laufen trotzdem auf. Und im Kreditbüro steht schon, dass Sie nicht zahlen. Das macht alles der Computer. Und wenn es mehr als drei Monate sind, geht es vor den Ausschuss.
— Was für ein Ausschuss?
— Na, der entscheidet, was mit der Wohnung passiert. Sie gilt ja nicht als Ihre, solange nicht alles abbezahlt ist. Sie gehört der Bank. Wenn Sie die Monatsraten nicht zahlen können, wird entweder verlangt, dass Sie den gesamten Rest der Hypothek auf einmal begleichen, oder die Wohnung wird Ihnen per Gericht weggenommen.
Dieses Gespür, das Tatjana hatte und mit dem sie an den kleinsten Schwankungen einer Stimme — einem halben Ton nach oben, einem halben Ton nach unten — erkannte, wer von ihnen beiden hier mehr zu sagen haben würde, bevor der Gedanke überhaupt fertig war, ließ sie sofort schmeicheln, wenn der andere auch nur ein Quäntchen mehr Macht hatte. Und wenn sie selbst auch nur ein Gramm mehr Macht besaß, musste sie aus diesem Gramm eine Tonne machen, um den anderen in die Schranken zu weisen und, wenn nötig, ganz zu zerquetschen. So hatte das Leben sie gelehrt, schon seit ihrer Kindheit. Wen man niederdrücken kann, den muss man sofort niederdrücken, ohne lang herumzureden, sonst wird man selbst immer niedergedrückt. Und wenn man dich erst einmal in die Knie gezwungen hat, musst du es sofort an jemand anderen weitergeben, wie ein Dominostein, der den nächsten umwirft; sonst wird man diese brennende Last nicht los, sie schmerzt und brennt weiter. Davon kann man noch krank werden!
— Und wie viel bleibt uns denn noch? — fragte sie kläglich.
— Na, Sie haben doch gerade erst angefangen.
Das Mädchen öffnete auf ihrem Tabletchen den Taschenrechner und tippte mit dem Finger darauf herum. Tatjana beobachtete sie aufgeregt.
— Drei Millionen neunhundertfünfzehntausenddreihundertsechsundfünfzig Rubel. Wenn Sie es jetzt sofort vollständig tilgen. Wenn Sie warten, wird es mehr.
— Aber wir können es nicht zurückzahlen … Wovon denn?
— Weiß ich nicht. Im Prinzip haben Sie bis zur Rente noch Zeit. Zu zweit können Sie es aufteilen, dann wären es jeweils achtzigtausend im Monat. Verdienen Sie’s halt, — zuckte die Schlampe mit den Schultern.
— Ach. Ach! Woher soll er denn achtzigtausend haben? — Tatjana deutete auf den stummen Vitalja, als würde sie ihn auf dem Geflügelmarkt feilbieten. — Wen soll man denn mit ihm überhaupt nehmen! Nicht mal für dreißigtausend wollte ihn je irgendwer haben!
Das Mädchen musterte Vitalja abschätzend und schien Tatjana recht zu geben. Dann sah sie auf das Loch in der Decke und kam auf eine Lösung:
— Na, übrigens könnten Sie ihn auch für die militärische Spezialoperation verpflichten. Mit der ersten Auszahlung tilgen Sie die Schulden und sind gleich ein Jahr lang abgesichert, und dann überlegen Sie weiter.
Vitalja blinzelte und zog den Kopf ein.
— Ihr habt wohl völlig das Gewissen verloren … — Er sah seine Frau fragend an.
— Jetzt halt erst mal den Mund, — sagte Tatjana zu ihm.
Sie fuhr ihn wie gewohnt an, damit er sich nicht ungefragt einmischte, doch dann spürte sie, wie etwas Spitzes ihr unter die Rippen stach: Mitleid, mit Vitalja und auch mit sich selbst, und die Angst, nun überhaupt alles im Leben zu verlieren.
— Was sollen die Kinder ohne Vater machen? Wir haben noch zwei.
— Na, dann müssen Sie eben selbst sehen, wie Sie klarkommen.
— Können Sie dafür sorgen, dass sie uns eine Weile nicht anrufen?
— Ich sage doch, das läuft automatisch.
Menschen kamen herein und gingen wieder hinaus. Die Tür knallte. Jemand brummte nebenan ebenfalls auf jemanden ein, versuchte ebenfalls, die Roboter zu überreden. Ein Lämpchen piepte, eine Nummer leuchtete auf. Die Zeit war um.
— Der Nächste, — sagte die Angestellte.
Vitalja hielt es kaum aus, bis er seine Zigarette rauchen konnte; so hatte er sich aufgeregt.
— Was für eine böse Schlampe, — hustete er.
— Na, ich werd dich wohl nicht hinschicken, — sagte Tatjana mitleidig. — Ach, was ist das nur für ein „MMM“.
• • •
Die Sonne war hinter den Dächern verschwunden, die Erde glomm am Horizont noch nach, während sich von oben bereits ein blauer Deckel über sie senkte. Uljana stand am Küchenfenster und sah sich den Sonnenuntergang an, den Hof, die Garagenmuscheln, das kaputte Karussell, die Schuljungs, die im Sandkasten Bier in sich hineinkippten. Sie sah zu und schnitt Salat.
Die Küche war fünf Quadratmeter groß: hier der Schrank, dort das Spülbecken, da der Tisch für zwei. Man konnte sich kaum umdrehen. Gut, dass sie wenigstens mit ihrem Fenster an die riesige Welt grenzte, und gut, dass sie in dieser Welt nicht allzu weit unten lag.
Sie schnitt Tomaten, Zwiebeln, Dill und Gurken. Die Gurken wuchsen bei ihrer Mutter im Garten, das sparte ordentlich Geld: Die gekauften kosteten mittlerweile fast so viel wie Fleisch, wegen irgendeines Missverhältnisses in der Landwirtschaft. Im Grunde kam alles in diesem Salat aus dem Garten ihrer Mutter; nur saure Sahne und Salz waren aus dem Laden. Schön billig.
Sie schnitt und sprach dabei gerade mit ihrer Mutter. Na ja, sprach? Wie üblich ging das Gespräch nur in eine Richtung.
— Na, also, — plauderte ihre Mutter über die Freisprechanlage. — Bei Alevtina Iljinitschna hat’s den Ischias erwischt, sie kann selbst nicht jäten, also hab ich ihr aus Nachbarschaftshilfe geholfen. Dabei hab ich mich gebückt, und zunächst ging’s, weißt du, Uljasch, ganz gut, aber dann bin ich nach Hause gekommen, und mir wurde schwarz vor Augen, ich hab mich am Tisch festgehalten, dachte, ich kipp um, bin gerade noch bis zum Sofa gekrochen. Dann Baldrian, No-Spa, und langsam hab ich mich wieder berappelt. Jetzt sitz ich hier und schau „Feld der Wunder“, da sind diese Jungs in Uniform, einem winkt schon ein Auto. Ich seh ihnen zu und denke an deinen Saschka: Wenn er zurückkommt, schafft er’s vielleicht auch ins Fernsehen …
Uljana schnitt und schnitt und überlegte, ob sie ihr von der Schwangerschaft erzählen sollte oder nicht, ob sie es sagen oder verschweigen sollte, und plötzlich wollte sie daneben schneiden, die Gurke verfehlen und sich selbst den Finger abschneiden. Sie hielt einen Moment inne und stellte sich vor, wie das Blut herausspritzte, dann schnitt sie weiter, Scheibe um Scheibe; schließlich warf sie das Messer von sich.
— Mama …
— Und bei den Morosows, hab ich dir von den Morosows erzählt? Ihre Tochter wäre fast ertrunken. Sie sind zum Fluss gefahren, ins Wasser gegangen, und da treiben Baumstämme ganz oben auf dem Wasser, man sieht sie nicht. Und dann hat ihr ein Stamm den Kopf getroffen. Arkadi hat sich nur kurz weggedreht, und schon wurde sie fortgetrieben; er hat sie gerade noch eingeholt, Gott sei Dank, und ans Ufer gezogen. Sie ist irgendwie wieder zu sich gekommen … Bei den Gornostajews ist ihr Kostja ja wirklich ertrunken. Erinnerst du dich an die Gornostajews? Na, er war betrunken, als er ins Wasser ging; nüchtern hätte er es vielleicht noch geschafft. Aber sie hatten dort so viel Wodka getrunken, und das Wasser ist im Mai doch noch eiskalt. Warum ist er bloß hineingegangen! Am neunten Mai haben sie ihn dann beerdigt, ausgerechnet am Feiertag. Das hab ich dir doch erzählt, oder? Oder kennst du die Gornostajews nicht?
— Mama.
— Hm? Was ist, Uljasch? Mein Sonnenschein.
— Ach, nichts. Der Tag auf der Arbeit war heute beschissen. Ich geh dann, ja? Ich will duschen.
— Na, geh, geh.
— Und ich hab mich noch mit Tatjana gestritten. Mit Tatjana Nikolajewna. Saschas Mutter.
— Ach. Worüber habt ihr euch denn diesmal in die Haare gekriegt?
— Ich … Ich bin hingegangen, um zu fragen, ob es vielleicht irgendwelche Neuigkeiten gibt. Und sie ist gleich mit der Tür ins Haus gefallen …
— Na ja … Zum Teufel mit ihr, als ob man sie nötig hätte. Sie mag dich nicht, soll sie eben nicht. Und du musst vor ihr auch nicht so buckeln.
— Ich buckel doch nicht. Bückel. Na, wie auch immer … Sie kann lange warten, bis ich vor ihr buckele.
— Na gut.
— Na gut.
Sie sagte es nicht. Sie wollte sich erleichtert fühlen, fürchtete aber die Ratschläge. Ratschläge von Müttern sind klebrig wie die Vorhersagen von Zigeunerinnen. Man will sie nicht, aber man tut es dann doch. Uljana aber wollte selbstständig sein, sie hatte sich immer schon nach Selbstständigkeit gesehnt.
Sie nahm mit einem Anflug von Zweifel das Messer, schnitt den Salat fertig und schluckte ihn hinunter, ohne zu kauen — die Gurken kratzten ihr im Hals. Sie schaltete nicht einmal den Fernseher ein, sie hatte nicht die Kraft, sich das alles anzuhören. Sie rief Sascha an. Ging in das einzige Zimmer — Bett, Sessel, Poster mit Katzen — und zog sich das T-Shirt samt BH über den Kopf. Sie öffnete die Schranktür; darin war ein Ganzkörperspiegel. Zweifelnd betrachtete sie sich nackt. Berührte ihre kleinen Brüste. Stellte sich vor, wie sie anschwellen würden, wenn sie damit stillte. Fuhr mit dem Finger über den eingefallenen Bauch. Seltsam. Unmöglich, sich das vorzustellen. Konnte man sich nicht, verdammt noch mal, irgendwie durch Knospung fortpflanzen?
• • •
Eine Stunde vor dem Wecker klingelte das Telefon. Uljana hatte nicht damit gerechnet, ließ es deshalb beim ersten Mal durchklingeln und schubste es nur auf den Boden. Es gab keine Ruhe: Beim zweiten Mal summte es wieder, dann ein drittes Mal. Endlich kam sie zu sich und tastete danach.
„Anatol. Serg. 7 HIMMEL Chef“. Und ein verpasster Anruf von ihm.
— Ja, Anatoli Sergejewitsch?
— Was zum Teufel machst du?!
Als sie bei der Arbeit ankam, war schon alles vorbei. Die Bullen waren weg, die Feuerwehr war weg; neben dem versiegelten Keller saßen nur noch Kristinka und Anatoli Sergejewitsch auf dem Bordstein. Der Chef war knallrot, als käme er gerade aus dem Dampfbad, Kristinkas Wimperntusche war verlaufen — nach einer ordentlichen Standpauke.
— Wer war das? Wen habt ihr rausgeworfen?! — brüllte er sofort, sobald Uljana im Hof auftauchte.
— Er … Er hat’s nicht selbst gesagt, nur gezeigt. So ein rotes Büchlein. Ein Ausweis. Irgendeine Kontrollverwaltung.
— Bist du bescheuert?!
— Was hätte ich denn machen sollen? Wissen Sie, was er wollte? Wissen Sie das?! — Uljana riss die Augen auf.
— Na und?! Ist das etwa das erste Mal?!
— Was, wenn es eine Provokation war? — fiel ihr als Erklärung ein. — Damit sie uns hinterher einsperren … Ich dachte …
— Gedacht? Dafür bezahle ich dich nicht, dass du denkst! Du! Hättest! Mich! Anrufen! Müssen! Weißt du, was für eine Strafe sie mir aufgebrummt haben? Und sie weigern sich, darüber zu verhandeln! Eine Provokation, verdammt noch mal!
— Und warum behandelt er uns wie Scheiße? — hielt Uljana es nicht mehr aus.
— Ja, weil! Weil wir für die nichts anderes sind als Scheiße! Ihr und ich! Bist du gestern erst geboren?! Wie konntest du das alles auf meine Kosten entscheiden, hä? Ich werde mich bei denen nie wieder freikaufen können! Vielleicht soll ich’s mir von euch holen?
— So viel haben wir nicht, Anatoli Sergejewitsch, — Kristinka fing wieder an zu weinen.
— Na, kommt ihr wenigstens mit mir zur Polizei? Ich muss das alles noch klären, vielleicht könnt ihr dort was sagen … Von wegen Scheiße, Provokation! Wollt ihr nicht?!
Uljana schwieg, Kris schluchzte. Anatoli Sergejewitsch nickte ihnen bitter zu: Schon klar, wer will das schon.
Er zog eine Zigarette aus der Packung und bekam sein Feuerzeug erst beim zweiten Versuch an. Er saß da und starrte auf den rissigen Asphalt, auf die Ameisen. Die Mädchen standen schweigend da und wechselten Blicke. Schließlich rauchte er zu Ende und schnippte den Stummel davon.
— Ihr seid beide verdammt noch mal gefeuert.