Dmitri Gluchowski · Registrierung
10.
Gegen Abend bekam Marina eine Migräne. Die Ärmste wälzte sich hin und her, stöhnte und fand erst gegen Morgen endlich Schlaf, schien es; Maxim, um sie nicht zu stören, zog aufs Sofa im Wohnzimmer um. Und dort schlief er, völlig unerwartet für sich selbst, ausgezeichnet. Schlief sich aus und hatte den Streit von gestern vergessen. Er besaß diese glückliche Fähigkeit: sich auszuschreien und innerlich klar Schiff zu machen, die überflüssige Last abzuwerfen und weiterzuleben.
In der Küche traf er Kirjucha, der nach dem Wecker aufgestanden war – verquollen, aber glücklich – und beschloss, ihm selbst ein Omelett zu braten. Früher war das oft so gewesen, als Kirill noch zur Schule ging: Maxim stand häufig vor Marina auf, um halb acht war er wie ein Zinnsoldat auf den Beinen – irgendwelche Biorhythmen vielleicht –, weckte Kirjuscha vorsichtig und liebevoll, damit der Junge gut gelaunt zur Schule ging, und machte ihm dann Toast oder kochte Brei. Und in dieser Zeit plauderten sie früher meistens, bevor jeder zu seinem Dienst aufbrach. Kirjucha mochte diese gemeinsame Stunde am Morgen wohl auch.
„Na, wie war das Nachtleben? Wenigstens produktiv?“, fragte Maxim ihn mit einem halben Lächeln, während er die Eier verquirlte.
„Ich glaube, das ist Liebe“, scherzte Kirjucha.
„Oho. Große Worte. Wie heißt die Auserwählte?“
„Diana. Göttin der Jagd.“
Man sah Kirjucha die Freude an, und Maxim musste beinahe selbst lachen, als er sich wieder von dessen Vorfreude auf einen heiteren Sommertag und einen ganzen Sommer voller Leben anstecken ließ.
„Hübsche?“
„Kann ich dir zeigen. Auf Insta“, sagte Kirill.
„Eine Ehre.“
Kirjucha sprang vom Stuhl auf und brachte ihm sein Handy an den Herd – schon auf der richtigen Seite geöffnet; bestimmt hatte er selbst dagesessen und seine neue Freundin bewundert.
Maxim erwartete, dort irgendein süßes Mäuschen zu sehen, Kussmund und Lidstrich, wie all die jungen Dinger auf den Moskauer Terrassen und auf Instagram, doch stattdessen sah er ein unerwartet wirklich schönes Mädchen – sehr genau und kunstvoll aus dunklem Holz geschnitzt, mit lebendigen, klugen Augen, weder schicklich noch ordinär gekleidet, einfach klasse. Kein Prozent Fake an ihr. In so eine konnte man sich wirklich verlieben, besonders wenn man siebenundzwanzig war.
„Oh.“
„Sie ist doch der Hammer, oder?“
„Bombe“, gebrauchte Maxim schüchtern das Jugendwort.
„Echt eine Göttin“, freute sich Kirjucha.
„Was macht sie?“, stellte Maxim, der sich nicht zurückhalten konnte, die typische Elternfrage.
„DJane. Mega angesagt. Mega cool. Und mega lieb. Einfach top.“
„Na, was dann? Auf dass ihr euch liebt und vermehrt?“
„Na, lass uns nichts überstürzen“, lachte Kirill. „Damit wir’s nicht verschreien.“
Maxim fuhr ihm mit der Hand durchs dichte Haar und wuschelte es auf. Es war genauso wie seines selbst mit zwanzig.
Er legte Kirill das dampfende Omelett hin – kein bisschen angebrannt, trotz der Ablenkungen, mit einem zarten Fädchen, meisterhaft. Kirill setzte sich, schnitt ein Stück ab und schloss genüsslich die Augen.
Und plötzlich war es, als stupste Maxim jemand mit dem Finger in den Hinterkopf.
Er drehte sich um – da stand Uljana im halbdunklen Flur. Sie funkelte ihn an, knurrte etwas und verschwand wieder. Was für ein Irrsinn.
• • •
Den Schleier hatte sie trotzdem mitgenommen, zusammengeknüllt und in die Tasche gesteckt. Wie einen Talisman, oder so. Vielleicht dauerte es ja nicht lange – die Operation. Sie wären fertig, und sie wäre schon wieder da. Wenn der stellvertretende Chefarzt versprochen hatte, die Trauung für zwölf anzusetzen? Vielleicht waren sie um zwölf schon fertig, dann lief alles nach Plan.
Natürlich hatte sie sofort angefangen, Artur Iwanowitsch zu schreiben und um eine Erklärung zu bitten, aber nichts wurde zugestellt, und sie konnte ihn nicht erreichen. Nach dem zweiten Versuch bremste Uljana sich selbst, aus Angst, wie eine Bekloppte zu wirken und ihn zu verscheuchen. Sie hätte ihn nicht mit Nachrichten auf Telegram zuballern, sondern die Beine in die Hand nehmen und zu ihm in die Sprechstunde düsen sollen, um ihm dort all ihre Fragen zu stellen.
Sie löschte das Überflüssige, knurrte zum Abschied mürrisch etwas in die Küche, knallte die Tür und raste ohne Frühstück los. In der Küche taten sie, als sei gestern nichts gewesen: Eine Kränkung vergisst sich leicht, wenn man selbst derjenige war, der gekränkt hat.
Ping – eine Nachricht von Tatjana Nikolajewna: „Für welchen Zug soll ich das Ticket kaufen?“ Aber Uljana las sie nicht, stellte sich blind. Wartest du eben. Ich habe gewartet, du kannst auch warten.
Auf dem Asphalt lagen Pfützen – irgendwann vor Tagesanbruch hatte es wohl geregnet. Die Luft war abgekühlt und schneidend geworden. Über ihr war alles mit Glaswolle zugestopft, man konnte nicht erkennen, ob sich dort überhaupt irgendwo die Sonne befand. Uljana sprang auf dem Weg zur Metro über die Pfützen und dachte dabei: Was für ein Zeichen war das? Ein gutes oder ein schlechtes?
Überall witterte sie Zeichen. Von dem Hochzeitschampagner, den sie kaufen wollte, war im „Perekrestok“ nichts mehr übrig, alles war weg. In der Metro kroch ein Krüppel durch den Waggon und bettelte um Almosen. Der Bus fuhr schon ab, hielt aber noch an und nahm Uljana doch mit. Der Himmel quoll auf, der Wind wirbelte Papierfetzen und abgerissene Blätter herum, als braue sich ein richtiger Hurrikan zusammen; die erst kürzlich gepflanzten Bäumchen bogen sich, aber es tröpfelte nur ein wenig, bleierne Tropfen, und der richtige Wolkenbruch wartete, bis Uljana den Eingang erreicht hatte. Was sollte all das für sie und Sascha bedeuten?
Der Oktober mitten im Juli hatte in Odinzowo etwas zerbrochen – ohne Sonne war es grau geworden; der aufziehende Sturm riss ihm seine sommerliche Lässigkeit wie ein Tarnnetz vom Leib und legte sein Wesen als Garnisonsstadt bloß: Kasernen und Lazarette.
Sie stieg aus, rannte hin.
Sascha lag irgendwo dort unter dem Messer, in Narkose, und der von ihm ausgestellte Passierschein war noch gültig. Der Hof war leer, alle warteten darauf, dass es jeden Moment losprasselte; nur unter den Vordächern rauchten Menschen in blauen Pyjamas und Menschen in weißen Kitteln.
Sie schlich in den Trakt, in dem die Leitung tagte, und stellte sich in die Schlange vor dem stellvertretenden Chefarzt. In den Händen hielt sie eine Tüte, darin ein Päckchen Pralinen und eine Flasche Champagner. Sie hatte sich mit Schokolade vollgestopft, damit sie auf leeren Magen nicht bei der Leitung ausrastete. Verlegen raschelte sie mit den Bonbonpapieren und steckte die Schnipsel in ihre Tasche: Das Krankenhaus war streng und steril, es gab nicht einmal irgendwo etwas, wo man hätte Müll liegen lassen können.
Sie wartete sich fast zu Tode.
„Guten Tag, Artur Iwanowitsch. Ich habe Ihnen den ganzen Morgen … Ich bin Uljana, Uljana Zarewa, wegen Lasarenko, wegen der Eheschließung? Ich habe Ihnen ein Foto geschickt, eine Bescheinigung … über die Schwangerschaft.“
„Hm? Ja“, sagte er und sah sie an, als erkenne er sie nicht. „Und?“
„Für heute um zwölf war unser Termin angesetzt, die Trauung. Die Eheschließung.“
„Na wunderbar. Ich gratuliere Ihnen. Aber was genau …“
„Man hat ihn zur Operation gebracht. Sie sollte doch erst übermorgen sein … Sie haben gesagt, um zwölf, aber er ist nicht da. Sie haben den Termin doch für mich angesetzt, Artur Iwanowitsch. Ich bin extra hergekommen, habe Champagner mitgebracht … Wie eine Idiotin.“
Er rieb sich mit seiner molligen Hand über die kahle Stelle, als wollte er einen nicht vorhandenen Schopf zurechtstreichen.
„Ah! Lasarenko … Lasarenko. Neurochirurgie? Ja, ja …“
Er nahm den Hörer ab, brummte etwas hinein und schaute aus dem Fenster. Das Fenster ging auf die Krankenhauskirche hinaus, auf die Kuppel mit dem Kreuz. Artur Iwanowitschs Büro war kleiner als das seines Chefs, dafür aber irgendwie bewohnt, eingerichtet.
„Aha. Na ja. Verstanden.“ Er legte das Telefon hin und wandte sich Uljana zu. „Ja. Man hat ihn für die Operation eingeplant. Der Chirurg und sein behandelnder Arzt haben das entschieden.“
„Aber wir hatten doch vereinbart …“
Er runzelte seine runde Stirn.
„Uljana?..“
„Konstantinowna.“
„Uljana Konstantinowna!“ Artur Iwanowitsch lächelte sie höflich an. „Darf ich Sie etwas Persönliches fragen? Was wollen Sie lieber – heiraten oder Witwe werden?“
„Aber es war doch alles geplant …“, zirpte Uljana wieder wie eine aufgezogene Puppe. „Für zwölf.“
„Noch einmal: Das hier ist kein Standesamt. Unsere Aufgabe ist es, Ihren Verlobten zu behandeln. So gut es geht. Wenn sich das Konsilium für eine dringende Operation ausspricht, dann stellen wir alle übrigen Pläne – was? – zurück.“
„Und wie ernst ist es?“, fragte Uljana erschrocken.
„So ernst. Eine innere Blutung ist aufgetreten, da haben sie beschlossen, gleich alles zu machen.“
Für eine Sekunde schien Uljana der ganze Aufwand mit der Heirat weder wichtig noch überhaupt möglich. Für eine Sekunde wurde ihr klar, dass Sascha wirklich sterben konnte – vielleicht sogar noch heute. Es war, als hätte jemand die Vorhänge im Büro zugezogen.
„Und wie … die Operation?“
„Na ja, bisher sieht es wohl nach Plan aus.“
Und kaum ließ die Anspannung nach, kaum war die Erleichterung über sie hinweggerauscht, brauchte Uljana sofort wieder das, weswegen sie hergekommen war. Sofort.
„Können wir uns heute noch trauen lassen?“
Der Stellvertreter schüttelte den Kopf und sah sie unfreundlich an, als wäre sie eine Idiotin; umsonst hatte sie ihn überhaupt für einen von den Ihren gehalten.
„Die Operation dauert siebeneinhalb Stunden. Es ist eine schwere Operation, verstehen Sie? Danach – beten wir, dass sie gut verläuft – wird der Patient auf die Intensivstation verlegt, wo er unter Sedierung bewusstlos bleiben wird. Verstehen Sie, was das bedeutet?“
„Was?“
„Dass Sie heute ganz sicher nicht heiraten können. Und morgen auch nicht. Und auf der Intensivstation wird Sie natürlich ebenfalls niemand trauen. Sie müssen warten.“
Er verschränkte die Finger und sah Uljana sehr aufmerksam an: War es jetzt wenigstens bei ihr angekommen?
„Er hat dort gekämpft, mein Sascha. Er wurde verwundet. Er ist Teilnehmer der Spezialoperation. Er hat Anspruch darauf, noch am selben Tag getraut zu werden. Das steht überall“, murmelte sie verzweifelt, als wären es Beschwörungen, die früher gewirkt hatten und jetzt aus irgendeinem Grund nicht mehr wirkten.
„Uljana Konstantinowna. Hier sind alle so.“
Er sagte es so, dass sie in sich zusammensackte. Als sie hereingekommen war, hatte sie noch einen geraden Rücken gehabt, jetzt war sie gekrümmt. All die Kraft, die in ihr im Zugabteil aufgekommen war, als sie sich auf die richtige Seite gestellt hatte, war plötzlich verflogen.
„Und wenn er es nicht schafft?“, fragte sie mit heiserer, beinahe tonloser Stimme.
„Na, bleiben wir doch lieber optimistisch.“
Er ließ ihr noch Zeit, eine andere Frage zu stellen, aber Uljana war wie gelähmt. Als stünde das Haus in Flammen, in dem alles aufbewahrt war, was sie im Laufe ihres Lebens zusammengetragen hatte, und sie starrte wie gebannt in den Feuerschein, unfähig, sich zu rühren.
„Sie haben meine Nummer, schreiben Sie mir“, rüttelte er sie wach. „Während der Arbeitszeit.“
Uljana murmelte etwas, stand auf und trottete davon. Artur Iwanowitsch folgte ihr mit dem Blick – nicht mitfühlend, nicht gleichgültig, sondern mit dem Blick eines Dompteurs. Aber an diesem Gespräch ließ sich nichts mehr drehen, es war gegen eine Betonwand gelaufen.
Nichts konnte man tun, gar nichts. Nichts war möglich.
Uljana kroch hinaus in den Hof, zappelte mit den Pfoten, holte ihre E-Zigarette hervor – doch die war tot. Sie bat einen verbrannten Soldaten um eine Zigarette, sagte, ihr Verlobter werde operiert, und er gab ihr Feuer. Zum ersten Mal seit bestimmt ein paar Jahren atmete sie echten, giftigen Rauch ein, und der schmeckte süßer als das elektrische Melönchen. Über den Baumkronen schwebten die Kuppeln, glänzend wie frisch geprägte Münzen, doch Uljana wollte nicht dorthin; die Kirche war keine Wunschmaschine, mit Gott musste man Klartext reden, falls es ihn überhaupt gab.
Das Handy summte.
Uljana sah automatisch nach – Tatjana Nikolajewna. Sie hatte ihr offenbar noch weitere Nachrichten geschrieben, während Uljana beim Arzt gewesen war, mit ihren Stummelfingern auf dem fettigen Display herumgetippt und Klarheit verlangt: Wann fährst du denn, wann fährst du endlich?
Was gehst du mir auf die Nerven wie ein Scheißhausfliegenfänger?
• • •
Am Morgen war Tatjana noch gut drauf gewesen, hatte vom Glück des Vortags gezehrt, doch gegen Mittag war von diesem Treibstoff nur noch der Kater übrig. Uljanka antwortete nicht auf ihre SMS, und jede unbeantwortete Nachricht zog die Schlinge, um die sich Tatjanas Gedärme wickelten, noch ein bisschen fester: Sie spürte die Leute mit ihren Eingeweiden, wusste, bei wem sie ruhig bleiben konnte und von wem etwas Bedrohliches ausging. Gestern, als sie mit Uljanka gesprochen hatte, hatte sich da eigentlich auch etwas geregt, aber Tatjana hatte es abgetan; sie wollte sich die Freude nicht mit Zweifeln verderben. Vielleicht war das ein Fehler gewesen.
Aber noch etwas war passiert. Vitalja vom Baumarkt hatte eine Zeitschrift mitgebracht. Tatjana hatte sich ihren Morgenkaffee auf ihre Art gemacht: eineinhalb Löffel Instantkaffee mit drei Löffeln Zucker verrührt, sich hingesetzt und die Zeitschrift durchgeblättert; auf der vorletzten Seite entdeckte sie eine große Anzeige: Ein Landhaus zu verkaufen. Ein Backsteinhaus, schon fertig gebaut, nur noch ohne Innenausbau, in Semenkowo, von der Stadt aus mit dem Auto vielleicht zehn Minuten. Zweihundert Quadratmeter! Sogar zweihundertdrei. Und es kostete nur zehn Millionen. Für so einen Kasten … Sie fing einfach so, für sich, als Geistesübung, an zu rechnen. Wenn man die Wohnung verkaufte, die Hypothek zurückzahlte und dann alle Zahlungen für Sascha zusammenlegte – für die schwere Verwundung, für die Invalidität, erste Gruppe, und noch die Abfindung beim Ausscheiden aus dem Dienst –, und außerdem um den Preis für das Haus noch feilschte: Es würde sich leicht verkaufen, sonst hätten sie doch nicht diese Anzeige geschaltet! Vielleicht würden sie eine Million runtergehen, vielleicht sogar anderthalb. Zweihundert Quadratmeter, das war doch was? Da könnte man Sascha unterbringen und Uljanka auch, und die Mutter könnte man aus dem Dorf holen; übrigens könnte man auch ihr Häuschen mit dem Grundstück verkaufen, alle bei sich unterbringen und glücklich und zufrieden leben. Alle in der Nähe, alle im Blick. Hier wäre es auch leichter, sich um Sascha zu kümmern, Uljanka würde nicht aus der Reihe tanzen, die Alte wäre unter Aufsicht, denn die Fahrt zu ihr dauerte mittlerweile verdammt lange, es war ihr leid.
Es hatte als Fantasie angefangen, aber dann hatte sie die Vorstellung richtig gepackt. Warum sollte es denn eine Fantasie sein? Das ganze Geld gehörte Sascha, und würde er das nicht für seine Eltern tun wollen? Wer hatte ihn denn großgezogen? Seine Eltern. Und die Mutter würde sich bestimmt um ihn kümmern. Und für Uljanka würde man auch noch ein Plätzchen finden. Sie musste sich nur so mit ihr anfreunden, dass Uljanka Tatjana wie eine Mutter gehorchte. Oder noch mehr als ihrer Mutter.
Die erste SMS hatte sie ihr geschickt, als sie am Morgen ihren Tag plante. Die zweite, als sie Sascha nicht erreichen konnte, und die dritte, als dieser Alexej für ihn geantwortet hatte, der mit ihm im Zimmer lag. Er hatte ihr alles gesagt: dass man Sascha abgeholt hatte und ihn operieren würde.
„Sag mal … Wie geht’s ihm denn?“
„Ach, im Grunde ganz okay. Ziemlich fit.“ Er sagte es ihr offenbar ganz ruhig, sachlich, aber so sachlich, wie man ein Huhn beschwichtigt, bevor man ihm mit der Axt den Kopf abschlägt.
„Es steht schlecht um ihn, stimmt’s?“, hakte Tatjana nach, weil sie ihm das anmerkte.
„Nachts haben sie ihn auf die Intensivstation gebracht, und jetzt ist er notoperiert worden.“
„Herr Jesus Christus“, schluchzte sie, und sie selbst hatte nicht damit gerechnet.
„Nein, hören Sie … Es wird schon alles gut“, versprach Alexej ihr. „Er ist ein zäher Kerl, wissen Sie. Keine Beine mehr, aber er hält sich tapfer.“
Alexej war freundlich zu ihr gewesen; vielleicht hatte er an seine eigene Mutter gedacht.
„Danke. Danke, Aljoscha. Darf ich dich später noch einmal anrufen?“
„Na klar, rufen Sie an.“
Sascha durfte man vor seinen Augen nicht bemitleiden, damit er nicht weich wurde; wenn sie nachgab, würde auch er gleich losheulen, und dann täte er ihr noch mehr leid, und für ihn wäre es selbst noch schwerer. Er durfte kein Mitleid mit sich haben. Tatjana hatte mit ihm schließlich nie zimperlich getan und hatte es auch jetzt nicht vor. Wenn man zu zärtlich war, zog man sich ein Weichei heran, oder schlimmer, ließ sie noch völlig verwahrlosen; wer sollte sie dann noch im Zaum halten? Entweder würden sie zu saufen anfangen oder im Knast landen. Jungs großzuziehen, war so eine Sache.
Das war das eine. Das andere war, dass er nicht denken sollte, seine Mutter schmeichle sich bei ihm ein, habe Zweifel an sich selbst und an dem, was sie getan hatte. Die Mutter hat recht und hat immer recht.
Also schrieb sie Uljanka, um sie über die Operation zu informieren. Aber die rührte sich nicht. Erst war Tatjana wegen Sascha gekränkt, und aus dieser Kränkung nahm alles seinen Lauf. Dabei hatte sie doch erzählt, wie furchtbar sie sich Sorgen machte, und nun kam nicht ein Mucks von ihr. Ich komme ihr doch entgegen, bin bereit, sie bei mir aufzunehmen, nicht im Landhaus, dann eben auf einer Fahrt nach Moskau, und danach sehen wir weiter, je nachdem, wie sie sich benimmt. Schon für Sascha hatte ich mich überwunden, um ihn nicht zu kränken – na gut, er hing eben an dieser Iwanowna-Mande, aber ich bin doch nicht gleich so eine Schlange. Für Sascha, ja! Aber ist ihr Sascha etwa scheißegal? Sie ruft nicht selbst an, fragt nicht nach und würdigt nicht einmal eine Antwort. Na, sie hat wohl erst mal ihre eigenen Angelegenheiten – sicher angenehmere. Was hat sie denn zu tun, dass sie nicht einmal kurz von einer SMS aufsehen kann?
Sie hielt es aus und hielt es aus, dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie rief an.
Sie musste doch endlich ihre Stimme hören – wie klang sie, war da etwas faul?
Piep, piep, piep, piep. „Guten Tag, Tatjana Nikolajewna.“ Erst beim zehnten Mal. Und in einem Ton, als wären sie Fremde, als hätten sie nichts mehr miteinander zu tun.
„Warum antwortest du nicht?“
„Ich hab wohl irgendwas Falsches gegessen. Gestern Sushi, vielleicht davon. Liege hier.“
„Hättest du zu Hause gegessen … Na, schon gut. Meinst du, bis zum Abend kommst du wieder auf die Beine?“
„Weiß nicht. Können wir nicht bis morgen warten, Tatjan-Nikolawna?“
Irgendjemand schrie bei ihr ins Telefon, jemand lachte. Dann schien Wind aufzuziehen, es raschelte.
„Wer lacht denn da bei dir?“
„Ach, ich habe einfach das Fenster offen … Das ist draußen im Hof.“
Tatjana schwieg und ließ Uljankas Telefon noch ein wenig mithören, was da ringsum vor sich ging. Aber es geschah nichts mehr; vielleicht hatte sie den Hörer mit der Hand abgedeckt.
„Und Sascha? Ist dir das etwa egal?“
Uljana seufzte. Wartete.
„Es interessiert mich alles, Tatjan-Nikolawna. Ich weiß, was mit ihm ist.“
„Woher denn?“
„Er hat mich angerufen.“
„Wann denn?“
„Gestern. Nach Ihnen.“
Na also. Offenbar trafen sie sich dort schon ohne sie, ohne Tatjana, und machten alles unter sich aus, direkt miteinander.
„Und weißt du, was heute ist?“
„Die Operation? Weiß ich.“
„Und du willst nicht hinfahren?“
„Ich will ja, ich bin bloß krank, Tatjan-Nikolawna“, schnappte Uljanka. „Was soll ich denn heute hinfahren, solange dies und das ist und er auf der Intensivstation liegt? Zu ihm lassen sie mich doch sowieso nicht.“
„Du weißt ja immer alles“, antwortete Tatjana verärgert.
„Na, ich mache mir doch auch Sorgen, nicht nur Sie!“
„Schon gut! Dann kurier dich aus.“
Sie legte bei Uljanka auf und dachte nach. Gegen Ende hatte sie schon ganz vernünftig geklungen, war richtig wütend geworden, als Tatjana sie aus der Reserve gelockt hatte. Und mit Saschka hatte sie auch gesprochen. Gut, dass sie nicht gleichgültig war. Na ja, sie hatte sich eben an ihrem Sushi vergiftet, so was kam vor. Als Nächstes würde sie noch schwanger rohen Fisch fressen! Ach, das hatte sie vergessen, ihr unter die Nase zu reiben.
Na gut. Bis morgen wird’s ihr schon einheizen.
• • •
Warum hatte sie sich Uljana überhaupt so vorgenommen? Weil sie alles gespürt hatte.
Wie lange konnte Uljana das Theater noch weiterführen? Die Verdachtsmomente waren schon so groß, dass sie sie beim nächsten Mal womöglich mit Elektroschocks foltern und verhören würden. Uljana hatte sich Zeit bis morgen herausgeschunden, sich rausgelogen, aber sie hatte es geschafft – doch wozu? Morgen würde sowieso alles zusammenbrechen: Alles, was sie sich da ausgemalt hatte, würde sich wieder in einen Kürbis verwandeln, verdammt, alles würde zu Staub werden. Tatjana Nikolajewna würde kommen und mit ihren verbrühten Fingern alles zusammenknüllen, kaputtmachen und sich unter den Nagel reißen. Du brauchst kein anderes Leben, Uljanka, und dein Ziehkind braucht überhaupt kein Leben. Her damit, wir können’s besser gebrauchen. War’s das? Und Uljana sollte das einfach schlucken? Warum denn? Aus Respekt vor ihr, oder was? Ja, klar.
Also sollte sie ihr all das überlassen, was Uljana mühsam aus dem Nichts aufgebaut hatte, sollte sie’s nur fressen? Den Neubau in Odinzowo, wo sie die enge, aber gemütliche kleine Wohnung hatte, Küche und Zimmer in einem? Dort war doch schon ein neuer Bewohner eingezogen, Saschas Sohn, eine kleine Naschkatze; Uljana hatte sich jetzt nicht mehr nur für sich selbst angestrengt, nicht nur für sich allein. Sie hatte seinen Kinderwagen schon durch die schnurgeraden Straßen von Odinzowo geschoben, sich die Karussells und Sandkästen angesehen, die Kinderpoliklinik schon ausfindig gemacht und erkundet, wo es eine Pjaterotschka gab und wo den Lebensmittelmarkt. Sie hatte Moskau nachts von jenseits des MKAD schon mit ganz anderen Augen betrachtet, wie eine Einheimische: einst unerreichbar, nun ihr persönlich leuchtend wie ein erhelltes Fenster in der Dunkelheit für eine vor Kälte erstarrte Mücke. Und jetzt, wo die Wege dorthin schon geplant und die Pfade ausgetreten waren, sollte sie das alles und alles Übrige also zum Teufel schicken – nur weil Tatjana Nikolajewna es gesagt hatte? Und wann sollte sie denn endlich leben, Uljana?
Kommt gar nicht infrage.
Jetzt war Uljanas Zeit gekommen, sie selbst zu sein und zu leben. Sie hatte lange gewartet, dreißig Jahre lang, und nicht rumgeheult, aber jetzt würde sie nicht mehr zurückweichen. Denn vielleicht gab es kein nächstes Mal.
Sie drehte um und ging zu Artur Iwanowitsch zurück. Sie musste die Wirklichkeit zurechtbiegen, solange sie sich noch biegen ließ.
Er sah sie – und war nicht einmal überrascht.
— Noch etwas?
— Ich bin schwanger, sagte Uljana zu ihm.
— Sie haben mir doch das Bild geschickt. Ich weiß Bescheid.
— Und wenn er nicht durchkommt? Sascha. Ich muss doch daran denken. Was mache ich dann? Wohin soll ich? Allein mit einem Kind.
— Ich verstehe, sagte er und nickte ihr zum ersten Mal mitfühlend zu.
— Trauen Sie uns, bat Uljana leise nachdrücklich. — Ich habe ein uneingeschränktes Recht darauf.
— Sie haben wohl nicht gehört, was ich eben gesagt habe? Er ist doch bewusstlos …
— Trauen Sie uns.
Zuerst runzelte er ratlos die Stirn, als wollte er gemeinsam mit Uljana eine Lösung für dieses unlösbare Problem finden. Ihre Blicke trafen sich – dann tasteten sie einander mit den Augen ab, um sich zu vergewissern, dass sie sich verstanden hatten. Sein Gesicht hatte sich nun völlig verändert – eben hatte er noch geschlafen, jetzt war er aufgewacht.
— Das wird …
— Ja.
Er stand auf, schlich zur Tür, prüfte das Schloss, musterte Uljana noch einmal, wandte sich von ihr ab und stellte sich ans Fenster, als wäre es dort interessanter.
— Also, eine Eins, sagte er undeutlich, mit dem Hinterkopf zu ihr.
— Was?
— Eine Eins.
— Was soll das heißen? fragte Uljana verwirrt.
— Eine Million.
— Wo soll ich die denn hernehmen? staunte sie. — Ich habe gerade mal noch siebenundzwanzigtausend auf der Karte.
Er drehte sich zu ihr um und breitete die Hände aus; sein Gesichtsausdruck war mitfühlend.
— So viel kostet das nun mal, leider. Und warum sehen Sie mich so an? Ich stecke das doch nicht selbst ein. So viele Leute müssen da eingeschaltet werden, und jeder will seinen Anteil, begann Artur Iwanowitsch kaum hörbar und sanft zu erklären, als entschuldige er sich. — Worum bitten Sie mich denn?
— Ich bitte Sie, mich mit meinem Verlobten zu trauen, beharrte Uljana.
— Sie bitten mich, eine Dienstvorschrift zu verletzen. Der Patient ist bewusstlos. Wie soll er seine Zustimmung zur Eheschließung geben?
— Er könnte doch für eine Sekunde zu sich kommen und …
— Das geht leider nicht. Das ist doch ein Verfahren! So viele Augen. Und so viele Münder. Standesbeamte, Mitarbeiter des Krankenhauses, zählte Artur Iwanowitsch weiter auf, noch immer schuldbewusst und verlegen. — Die unmittelbaren Vorgesetzten, die Kontrollinstanzen … Verstehen Sie, wären nur Sie und ich im Spiel, würde ich Sie gern und völlig kostenlos trauen. Ganz legal. Aber worum Sie mich bitten, ist nicht legal. Das ist nicht einmal bloße Amtsüberschreitung …
Nun kehrte er zum Tisch zurück, beugte sich zu Uljana und schnurrte, schnurrte auf sie ein – einschmeichelnd; er beschuldigte sie nicht, er erpresste sie nicht, er war bereits ihr Komplize geworden und erklärte ihr offen und vertraulich wie einem Geschäftspartner den ganzen Mechanismus.
— Ich bin aus Wologda hierhergekommen, wir leben in Wologda. Von Gehalt zu Gehalt, vierzigtausend, sagte Uljana hilflos. — Woher soll ich Ihre Million nehmen?
— Leihen Sie sich das Geld, riet ihr Artur Iwanowitsch.
— Von wem? Und innerhalb eines Tages, einfach so?! verzweifelte Uljana.
— Sie finden schon jemanden. Die Welt ist nicht ohne gute Menschen.
Er wechselte auf Uljanas Seite, hockte sich neben sie und flüsterte ihr verschwörerisch zu:
— Ihnen winken fünf Millionen, wenn nicht sogar mehr. Können Sie sich für eine Million wirklich keinen Kredit besorgen?
Uljana wollte widersprechen, doch er war schon aufgestanden und half ihr hoch. Er führte sie bereits, den Arm um sie gelegt, zum Ausgang, denn ihr selbst versagten die Beine.
— Und zögern Sie dort nicht allzu lange … Ach, was rede ich, nicht wahr? Sie verstehen natürlich selbst ganz genau.
Sie nickte: Ich verstehe. Er hatte sie hypnotisiert.
Sie trat hinaus, und dort war Land unter. Der Sommer hatte sich zusammengekauert, der schräg peitschende Regen schnitt wie Stahldraht, die Bäume bogen sich, weiße Plastiktüten wirbelten empor, tanzten vom Krankenhausgelände hoch zum schwarzen Himmel. Die Luft war zäh geworden, dichter als Wasser, ließ Uljana nicht hinaus, drängte sie zurück.
Ohne Schirm, in ihrem Hochzeitskleid und auf Stöckelschuhen stürzte sie über die schmutzigen Rinnsale zur Haltestelle. Sie war völlig durchnässt, fror wie ein Hündchen und wartete kaum bis der Bus kam, der durch die trüben Fluten angeschwommen kam. Sie sprang hinein, lehnte sich ans Fenster und sackte in sich zusammen.
Na bitte, sie hatte wissen wollen, was sie kosten sollte, und man hatte ihr den Preis genannt.
Ein neues Leben kostete so viel, wie sie noch nie besessen hatte. Das waren also die Preise dafür in ihrem Moskau. Mach dich vom Acker und zurück in dein Wologda, Uljantschik, in dein Loch.
Der Regen trommelte aufs Blechdach, die Scheibenwischer kamen gegen das Wasser nicht an, und vor ihnen, über Moskau, flammten Blitze ganze Netze auf, als hätte der Himmel einen Kabelbrand.
Uljana war erbärmlich, schmutzig wie Pappelflaum, den der Regen in den Dreck gedrückt hatte. Machtlos.
Na ja, vielleicht würde ja alles gut werden?
Sascha würde wieder auf die Beine kommen, Uljana würde ihn überreden, dass sie gemeinsam seiner Mutter widersprachen, damit er für sie eintrat. Würde er das tun? Wer war denn wirklich seine Herrin? Sicher nicht Uljana. Die Mutter würde kommen, ihn an der Leine zerren und „Platz!“ rufen, und er würde wieder einknicken wie damals. So viel also zu „alles gut“. Oder wie? Vielleicht würde sie Uljana aufnehmen, aber zu ihren eigenen Bedingungen; Uljana würde für diesen Segen bei Tatjana Nikolajewna in lebenslange Dienste treten. Schon bei dem Gedanken daran wurde ihr schlecht.
Und wenn er starb? Ohne wieder zu Bewusstsein zu kommen.
Der Wolkenbruch peitschte herab, aber das Atmen fiel ihr nicht leichter. Sie fuhr wie in einem Aquarium. Draußen war die Luft schwül, drinnen auch. Die Scheiben waren beschlagen, als hätte man einen ganzen Bus voller Betrunkener transportiert. Uljana starrte stumpf aus dem beschlagenen Fenster und malte mit ihrem frisch lackierten Fingernagel langsam das schillernde Wort „SCHWANZ“ auf die angelaufene Scheibe.
In der Metro schlingerte sie zusammen mit dem ganzen Waggon durch die unterirdischen Kurven nach rechts und links: Der ganze Waggon war voller solcher Leute, der ganze Zug. Alle hatten ein biegsames Rückgrat, alle wurden hin- und hergeworfen. Niemand sah den anderen an, sie wussten, dass es da nichts zu erspähen gab. Alle blickten nach innen, und wenn jemand aufs Handy schaute, dann vorsichtig und mit Blick auf die Sitznachbarn. Die Waggons waren mit Werbung für den Vertragsdienst geschmückt.
Von der Metro nach Hause rannte Uljana nicht einmal: Sie war sowieso schon durch und durch nass, da machte es keinen Unterschied mehr. Entlang der Gehwege brodelten die Wasserströme wie Bewässerungsgräben in den Dörfern Zentralasiens. Sie schienen so tief, dass man darin ohne Weiteres ertrinken konnte.
Doch dann stieg sie unter eine heiße Dusche, und das Wasser brachte ihr wenigstens ein bisschen Blut in Wallung, lud Uljana mit Trotz auf. Sie konnte noch ein wenig kämpfen, noch ein bisschen strampeln. Artur Iwanowitsch hatte natürlich in allem recht gehabt – zum Beispiel damit, dass Uljana tatsächlich jemanden hatte, von dem sie sich Geld leihen konnte. Jetzt musste sie bis zum Ende gehen, bis zum Äußersten, nachdem sie schon so weit gekommen war. Noch einmal ihr Glück versuchen.
Gestern hatten sie sich gestritten, ja. Aber trotzdem hatten sie sie bei sich aufgenommen, ihr Abendessen hingestellt, sogar nach Sascha gefragt – Onkel Maxim zwar durch die Zähne, Tante Marina aber ganz aufrichtig. Uljana spürte, dass Tante Marina Mitleid mit ihr hatte. So etwas merkte man an der Stimme, am Blick – der Mensch sah dein Blut in dir und verzieh dir wie einem Familienmitglied, weil ihm die Familie wichtiger war als irgendeine Politik. Zumal sie es selbst gesagt hatte. Ein wenig begann die Hoffnung in ihrer Brust zu gurren. Ihre Mutter und Tante Marina hatten sich geliebt, als Kinder zusammen auf dem Dorf gespielt. Onkel Maxim war ein aussichtsloser Fall, aber Tante Marina ließ sich vielleicht erweichen. Sie war gutherzig. Vielleicht würde auch er Mitleid mit Uljana haben? Ganz herzlos war er doch nicht, auch wenn er ihr gestern den stellvertretenden Schulleiter verpasst hatte. Schließlich war sie schwanger.
Und sonst gab es niemanden, zu dem Uljana deswegen gehen konnte.
Sie wartete auf Tante Marina. Sie ging in die Küche, um mit ihr Tee zu trinken. Wie eine trächtige Katze, die von ihren Streifzügen zurückkommt und sich an den Beinen der Besitzer reibt, damit sie ihr Futter geben, dachte sie über sich selbst.
— Hallo, Uljasch, wie geht’s dir?
— Ach, so … Tante Marin. Könnte ich dich vielleicht … um Geld bitten? Geliehen.
— Natürlich, selbstverständlich …, sagte Tante Marina hastig. — Wartest du kurz? Ich hole meine Geldbörse. Oder ist dir eine Überweisung lieber?
— Nein, ich brauche Bargeld …
— Wie viel denn? Reichen zwanzigtausend? Dreißig? Ich weiß gar nicht, wie viel ich habe …
— Tante Marin. Ich brauche eine Million.
— Wie viel? …
— Na, eine Million. Rubel, nur damit das klar ist, lächelte Uljana sie an, so gut sie konnte.
Tante Marina blieb in der Tür stehen, zuckte mit den Brauen, kam dann zu Uljana zurück und setzte sich.
— Wofür brauchst du so viel, Uljasch? Ist alles in Ordnung? Also …
— Nein, Tante Marin, nichts ist in Ordnung. Das Lächeln war ihr förmlich festgeklebt und hinderte sie am Sprechen. — Im Krankenhaus verlangen sie Schmiergeld von mir. Ich muss zahlen.
— Wie furchtbar … Wofür wollen sie Schmiergeld, Uljasch?
— Damit sie Sascha und mich trauen. Ohne Geld registrieren sie die Ehe nicht. Sie verheiraten uns nicht.
— Wie kann das sein? fragte Tante Marina ungläubig.
— Na ja. Er ist dort bewusstlos. Heute haben sie ihn wohl operiert.
— Und wie ist es gelaufen?
— Sie sagen es mir nicht, ich bin ja praktisch niemand für ihn. Auf der Intensivstation geben sie nur den Angehörigen Auskunft.
Tante Marina konnte Uljana nicht länger ansehen; sie betrachtete die Tasse, den Teller und die Cognacflasche.
— Aber trotzdem, eine Million … Für so etwas eine Million zu verlangen. Sind die denn völlig übergeschnappt?
— Ich zahle es zurück.
Sie versprach es mit fester Stimme und fragte sich erst danach: Wann sollte sie das denn zurückzahlen? Tante Marina hob ebenfalls rasch den Blick zu ihr – und wandte ihn sofort wieder ab, schneller, als Uljana es hätte bemerken können. Aber Uljana bemerkte alles, sie las es in ihrem Blick: Wovon willst du das denn zurückzahlen, mit welchem Geld?
— Den Ehefrauen steht dort einfach eine Entschädigung zu.
— Gott bewahre …
Tante Marina fasste sich, strich Uljana wie damals über die Finger. Sie waren kalt. Und ihr Augenlid zuckte.
— Ich … Maxim kommt gleich zurück, dann rede ich mit ihm, ja? Wir verstehen das doch alle. Wir verstehen das doch alle.
• • •
Solange Saschka verschollen war, hing nichts von Tatjana ab. Sie war beim Wehrersatzamt gewesen, hatte sich gemeldet und all ihre üblichen Fragen gestellt: ihr Gewissen beruhigt – nun, geh nach Hause. Die Armee war für ihn zuständig; schön, sie hatte ihn hin und her geschoben, aber dafür übernahm sie auch die ganze Verantwortung für das Schicksal ihres Sohnes: Wir kümmern uns, mischen Sie sich nicht ein. Also ging sie nach Hause, um Tapeten zu kleben – sie hatte getan, was sie konnte, was konnte sie sonst noch tun?
Doch als Saschka gefunden wurde, war die Last auch auf Tatjanas Schultern abgeladen. Jetzt wusste sie von ihm, und die Tapete ließ sich nicht mehr ordentlich kleben. Was war mit seiner Operation? Wie war es gelaufen? Sie musste nachfragen.
Sie schrieb diesem Alexei. Schlief der etwa? Er schwieg. Sie schickte Uljanka eine Nachricht – auch die ließ sie abblitzen. Sie schrie Witalja an, dass er die Hände im Arsch habe, und Swetka, sie habe sich wie eine Schlampe geschminkt. Das Rindfleisch war schon gar, Tatjana hatte den Fleischschaum von der Brühe abgeschöpft und Kartoffeln hineingeworfen, aber niemand antwortete. Die ganze Familie hatte sich vor Tatjana verkrochen wie Kakerlaken, um sich aus der Schusslinie zu bringen.
Dafür ließ es sich in der Stille besser nachdenken.
Also wusste Uljanka jetzt alles über Saschka. Und sie hatte mit ihm gesprochen. Hätte Tatjana nicht gefragt, hätte sie es von selbst nicht zugegeben. Aber warum sollte sie es Tatjana nicht sagen? Und dann hatte sie sich auch noch ausgerechnet jetzt vergiftet, nachdem sie Sushi gegessen hatte, schwanger. Tatjana wusste doch auch, dass Schwangere keinen rohen Fisch essen dürfen, obwohl es Sushi noch gar nicht gab, als sie selbst Kinder bekam. Uljanka war doch so modern – wusste sie das etwa nicht?
Und was dann? Na, was denn?
Währenddessen schnitt sie Kohl in Streifen und rief Alexei an. Sie rief stur immer wieder an, bis er es nicht mehr ertragen konnte, dass sein Handy brummte. Sie wartete, setzte nach, und schließlich ging er ran.
— Hallo. Aljoscha?
— Am Apparat.
— Ich wollte … Wie geht es meinem Saschka? Haben sie ihn noch nicht hergebracht?
— Wohin sollen sie ihn denn bringen? Erst kommt er auf die Intensivstation.
— Weißt du, wie es gelaufen ist?
— Uns sagen sie nichts.
Tatjana hatte einen trockenen Mund; sie kaute, um ihn wieder feucht zu machen. Alexei schnaubte ein wenig, dann bekam er Mitleid mit ihr und fügte hinzu:
— Na, seine Sachen sind noch hier. Wenn was schiefgelaufen wäre, hätten sie die Sachen weggeworfen und schon den Nächsten hergebracht. Also lebt er.
— Ach, Gott sei Dank. Danke dir, Aljoschenka.
— Ach, machen Sie sich nicht so viele Sorgen. Hier bringen sie noch ganz andere wieder auf die Beine.
— Wie soll man sich denn keine Sorgen machen … Warte nur, bis du eigene hast …
— Kleine Nervensägen? antwortete er nach einer Pause. — Hab ich doch schon.
— Na, eben. Und viele? Kinder?
— Na, zwei.
— Söhne?
— Mädchen. Drei und fünf.
— Waren sie bei dir?
— Meine Frau war da, aber ich hab gesagt, die Kinder sollen nicht kommen. Wozu auch? Alexei zog hörbar die Nase hoch. — Damit sie hinterher von dem ganzen Scheiß träumen?
Tatjana seufzte.
— Na ja … Und wie geht es meinem Saschka dort? Ist er nicht traurig, dass er niemanden hat? Ich wollte doch schon längst hinfahren, musste es verschieben. Und jetzt auch noch die Operation …
Alexei kicherte am anderen Ende der Leitung und spuckte aus. Er antwortete jemandem nebenbei unverständlich. Dann wandte er sich wieder Tatjana zu.
— Wieso ist er denn allein? Er ist nicht allein. Seine Verlobte hält bei ihm Wache.
— Was für eine Verlobte? Tatjana erstarrte.
— Na, seine eben. So eine lang aufgeschossene. Kennen Sie sie etwa nicht?
— Uljanka?
— Genau die. Ich wollte erst Julka sagen, aber sie heißt Ulka. Sie will ihn hier doch heiraten, kommen Sie denn wenigstens zur Hochzeit?
Und damit war alles aus.
Da wieder Lärm, Kapoten, sie schrie, Swetka solle die Fahrkarten nach Moskau kaufen, aber Swetka war schon irgendwo abgehauen und ging nicht ans Telefon, und diese Schlampe natürlich auch nicht, Tatjana hatte sie bestimmt hundertmal angerufen — nichts. Sie konnte sich nicht beherrschen und schrieb: „Ich gehe menschlich mit dir um, und du mit mir wie, du Miststück?!“
Wie konnte das sein?! Wie sollte man den Leuten danach noch vertrauen? Und das erfundene Häuschen, in dem alle Seite an Seite friedlich zusammengelebt hatten, begann sofort auseinanderzufallen, und noch etwas, Schlimmeres: Sie bekam Angst, dass Uljanka der Mutter den Sohn ganz wegnehmen würde. Wenn sie zu so etwas fähig war — ihn zu nehmen, zu betrügen, heimlich hinzufahren, ihn ganz allein zu heiraten —, was kam dann noch? Als Nächstes würde sie Saschka auch noch einreden, seine Mutter sei gar nicht seine Mutter, würde ihn mitnehmen und verstecken, und er war ja volljährig. Was sollte Tatjana da machen, wenn er verheiratet war? Uljanka würde ihm bestimmt allerlei vorsingen, ihm etwas in die Ohren setzen, sodass er sich von der Mutter lossagte und vom Vater auch. Und dann war die Hypothek nur das eine; am Ende würde sie ihn womöglich überhaupt noch von seiner Familie abbringen!
Tatjana verlangte von Witalja, er solle sie zum Bahnhof bringen, sie wolle noch heute mit dem Nachtzug fahren, da schrie er plötzlich, er würde sie in diesem Zustand nicht fahren lassen. Tatjana wollte schon mit ihm kämpfen, doch ihr wurde schwindlig, sie setzte sich aufs Sofa und blieb so sitzen: Alles dröhnte, feurige Mücken flogen vor ihren Augen. Kaum ging es ihr ein bisschen besser, kamen Leute in blauen Overalls herein: Witalja hatte den Krankenwagen gerufen. Sie maßen ihren Blutdruck, der schoss durch die Decke; da habt ihr euer Kapoten, half auch nichts. Sie solle sitzen bleiben, sagten sie, nach Moskau ließen sie sie auf keinen Fall fahren, und wenn sie hier weiter auf ihr Recht poche, würden sie sie sogar mit dem Notarzt abtransportieren. Vernünftiger wäre es, nicht im Zug zu übernachten, sondern im städtischen Krankenhaus, unter Aufsicht. Na gut, sie stellte sich ihnen gegenüber fügsam, sie stachen ihr eine dicke Nadel in die Armbeuge; die Ärztin war noch ein ganz junges Mädchen und traf kaum, dann hängten sie ihr irgendeinen Tropf an, und es ging ihr einigermaßen besser. Für die Nacht verboten sie ihr die Fahrt ausdrücklich und strikt; morgen, hieß es, könne sie sich selbst überlegen, was sie mache.
Na ja, nur dem Krankenwagen gab Tatjana schließlich nach. Der Krankenwagen wusste schließlich Bescheid.
Sie schrieb Swetka, sie solle ihr für den Morgen die allerfrüheste Fahrkarte holen, meinetwegen auch für den Sechs-Uhr-Zug. Sie schaltete den Fernseher ein, und da lief „Lass uns heiraten“. Verdammt noch mal.
• • •
Maxim pflügte mit seinem schon besseren Zeiten nachsehenden „A6“ durch die trüben Fluten des Dritten Verkehrsrings und dachte: Kaum sei das alles trocken, würden morgen früh trotzdem gleich wieder die Bewässerungswagen ausrücken. Diese verdammten Sprühwagen schrubbten Moskau von morgens bis abends, die Stadtoberen hatten so ein geradezu krankhaftes Bedürfnis nach Sauberkeit, fast schon eine Besessenheit. Schrubben, schrubben, schrubben … Wovon wuschen sie sich bloß rein? Man wusste schon, wovon. Von demselben, was deine Frau im Gebüsch versteckt; was stellst du dich eigentlich so blöd und fragst noch? Na los: Sei ehrlich zu ihr, dann sei auch ehrlich zu dir selbst. Ihr habt doch einen gemeinsamen Familienhaushalt, und die Frage ist noch, wessen Geld da eigentlich mehr drinsteckt.
Er rief Kirjucha an: Wie war die zweite Runde der Bewerbungsgespräche?
— Hör mal … Also, echt top. Eine ganz normale Frau war das, vielleicht Psychologin oder so … Ich mache einen Witz, sie lacht, macht selber auch Witze … Sie sagte, neunzig von hundert, sie nehmen mich, der Final Boss steht noch aus … Sie rufen an und sagen Bescheid.
— Na … Gott gebe es. Isst du mit uns zu Hause zu Abend?
— Nee, Papi … Wir hängen hier mit den Jungs rum. Danach wollen wir noch in eine kleine Bar, dann in einen Club. Muss man doch irgendwie feiern!
— Ist es nicht ein bisschen früh zum Feiern? Also du bist mir vielleicht einer …, brummte Maxim. — Wo steckst du das alles nur hin … Bleib doch zu Hause. Bei dem Wetter, und du …
— Wenn ich in Rente bin, sitze ich zu Hause. Und was machst du?
— Auf dem Dritten Ring. Versuche, irgendwie nach Hause zu kriechen. Wegen des Sturms steht alles komplett. Pass übrigens auf, dass du dich von den Bäumen fernhältst. Zwei Leute sind schon erschlagen worden … Hast du’s in den Nachrichten gesehen?
— Okay, Pa.
Maxim drehte das abgestorbene Telefon in der Hand und warf es auf den Beifahrersitz.
Die Autos kamen kaum voran, das Wasser reichte fast bis zur Radmitte — die Abflüsse waren ja inzwischen alle nur noch Dekoration, man hatte sich wieder mal gründlich schönmodernisiert, dafür war das Zentrum jetzt durch und durch aus Granit und monumental. Überall verlegten sie Granit in derselben Farbe wie am Ewigen Feuer. Das wirkte feierlich, erinnerte aber an ein Kriegerdenkmal, an einen Friedhof.
In den Nullerjahren, als Zar und Bojaren noch jung waren, fünfzigjährige Jungspunde, wollten sie alles — viel Geld, schöne Frauen, italienische Anzüge, teure Autos, gutes Essen. Damals war das alles auch dem Volk nicht verwehrt. Gute Jahre waren das, die Nuller, dachte Maxim, obwohl die ganze Stadt damals ziemlich versifft war: überall grelle Schilder, jeder wollte irgendwas kaufen und irgendwas verkaufen, man ging einander auf die Nerven … Dafür pulsierte damals in Moskau eine rasende, libidinöse Energie … Genau wie in Maxim. Und jetzt hatte man die schrille Werbung entfernt, die Kioske abgerissen, die Schilder waren alle bescheiden, die Buchstaben in der Farbe der Fassaden … Und das hier … Pflastersteine, Granit, Strenge. Altersschwäche.
Marina hatte ihm erklärt, was ihr Plan gewesen war, als sie die Stadt vom Luschkow-Basar säuberten: ein Remake des stalinistischen Empirestils. Die Moskauer sollten ästhetisch sozusagen in eine unbeschwerte Zeit der Fünfziger versetzt werden, aber dahinter sollten auch die brüllenden Dreißiger sichtbar bleiben und mitgelesen werden können. Moskau musste von den Produkten menschlicher Lebensaktivität gesäubert werden, die wie Moos oder Muscheln an den Projekten staatlicher Tätigkeit gewachsen waren. Die Leutchen sollten sich wieder an ihren Platz erinnern, in den Neunzigern hatten sie sich doch allzu viel herausgenommen.
Der Plan war ja schön und gut, aber die Ausführung war verpfuscht, weil man sie, wie alles andere auch, Dieben anvertraut hatte, und die wiederum irgendwelchen linkshändigen Pfuschern. Dafür waren es die eigenen Leute. Und das Ergebnis war nun mal: Auf dem Bild sah alles ganz solide aus, aber in Wirklichkeit funktionierte kein Scheiß. Milliarden hatte man für diese Pflastersteine, diesen Granit ausgegeben, aber die Abflüsse hatte man nicht ordentlich geplant. Da blieb der ganze Dreck drin stecken. Und deshalb war auch überall sonst mehr als genug Scheiße vorhanden.
Die Leute standen gehorsam und schweigend im Stau. In den Neunzigern hätten alle gehupt, dachte Maxim. In den Neunzigern hatte jeder es eilig, irgendwohin zu kommen. Und jetzt starrten alle auf ihre Smartphones und ertrugen es. Entweder hatten sie wieder gelernt, alles zu ertragen, oder es gab nichts mehr, wohin man sich beeilen musste.
Oder vielleicht, dachte Maxim, war die nicht funktionierende Regenwasserkanalisation sozusagen kein Bug, sondern ein Feature? Vielleicht hatten sie bei der Umgestaltung Moskaus absichtlich die Abflüsse verstopft, damit alles verdammt noch mal überflutet würde und wieder nur die Spitze des Ararat-Hyatt herausragte? Vielleicht hatten sie selbst das alles schon satt?
Marina rief an und unterbrach seine Gedanken.
— Hallo. Bist du bald da?
— Esst ohne mich, Marin. Hier herrscht der totale Kollaps.
— Ohne dich esse ich nicht. Ich habe diese Azbuka-Koteletts gekauft, die sind richtig gut. Ruf an, wenn du einparkst, dann brate ich sie auf.
— Abgemacht.
— Kuss.
— Du auch.
War ihm wohl die Eskapade von gestern verziehen? So, als wäre ihm verziehen. Sie hatte selbst angerufen, und die Koteletts … Sollte es wirklich keinerlei Strafe geben? Gestern hatte es noch so ausgesehen, als würde sie einen Monat lang nicht mit ihm reden.
Andererseits — wohin sollten sie schon voreinander fliehen? Einen gewissen Preis, einen symbolischen, würde er vermutlich zahlen müssen. Aber dann würde alles vergessen sein, denn Marina konnte nirgendwohin von Maxim weg, und Maxim wollte auch überhaupt nicht von Marina weg. Nennt es Liebe, wenn euch kein passenderes Wort einfällt.
Auf der Straße lagen umgestürzte Pappeln, die Sirenen der Opritschniki heulten, die mit den Leibeigenen im selben Stau festsaßen, die Polizeiblaulichter mühten sich ab, die Dunkelheit zu vertreiben, doch in ihren blauen Reflexen wurde der riesige schwarze Bauch des über Moskau hereingebrochenen Sturms nur noch dichter, noch kompakter, noch schwärzer, und die Hysterie der unten auf der Erde aneinanderklebenden Insekten konnte ihn natürlich kein bisschen ins Wanken bringen.
Maxim bewunderte, wie der Himmel seine Stadt niederdrückte, und fragte sich: Warum sind wir so fasziniert von der Apokalypse, warum erwarten und ersehnen wir sie ständig, was ist das für eine beschissene Erziehung, die wir da genossen haben? All die fetten Jahre, in denen sich das Land am Öl berauschte, vergingen wie im Rausch, in selbstvergessener Völlerei — aber warum? Genau deshalb: Jeder dachte, dieser ganze Wohlstand würde bald zu Ende gehen, man würde am nächsten Morgen aufwachen und feststellen, dass es nur ein Traum gewesen war. So lange konnte es bei uns doch nicht dermaßen süß laufen, also musste man sich immer mehr in sich hineinstopfen, solange der Traum noch nicht verflogen war. Und woher kam diese Illusion? Aus dem Gefühl, dass dieser Wohlstand unsicher und unverdient war …
Hatte uns die Neue Ökonomische Politik das beigebracht, fragte Maxim sich, dass die sieben fetten Kühe unbedingt geschlachtet werden würden? Oder war es die Revolution, die alle Ersparnisse des Landes requiriert hatte? Oder hatten wir noch so einen vorrevolutionären Komplex, die Überzeugung, dass wir von der Geschichte selbst zum Leiden verdammt seien? Orthodoxer Masochismus? Oder kam es von Iwan dem Schrecklichen, der seine Opritschniki auf die überheblichen Bojaren losließ, damit sie ihnen die Eingeweide herausrissen? Aber was hatte er persönlich, Maxim persönlich, mit Iwan dem Schrecklichen zu schaffen? Dieses Gefühl musste doch irgendwie aus eigener Erfahrung stammen … Wo lagen seine Wurzeln? In den Erzählungen der Großmutter von den Hungerjahren des Krieges? In den Kindheitserinnerungen daran, wie er mit den Eltern in Schlangen stand, die einen ganzen Tag dauerten, um Wurst zu kaufen, weil man pro Person nur eine Stange Cervelat bekam und Maxims kleine Hände deshalb nicht überflüssig waren? Ach, Wurst, Wurst, heiliges Symbol … Als man so viel Wurst kaufen konnte, wie man wollte, sind wir vor Glück einfach durchgedreht und haben diese endlose Wurst in uns hineingefressen. Konsumbulimie bis zum Erbrechen. Er erinnerte sich an sich selbst: Walkmans, Videorekorder, Plasmabildschirme, unbedingt die neuesten Telefone, deutsche Autos, noch mehr, noch mehr, schneller, bevor sie uns alles wieder wegnahmen.
Und je mehr wir uns den Bauch vollschlugen, desto schwerer fiel uns das Atmen. Umso deutlicher und bedrohlicher zeichnete sich am Horizont der nächste Nullpunkt des Zyklus ab, von dem man nicht wusste, wodurch er diesmal ausgelöst werden würde, dem aber ganz sicher niemand entkommen konnte. Alles würde weggenommen, alles im Ewigen Feuer verbrennen. Eine solche Vorahnung hatte sich in der Luft angesammelt — unerklärlich und unwiderlegbar. Wie der Klassiker sagte: „Die Deutschen machen Sachen, wir scheißen auf Tragik.“
Und was war mit all den Drohungen im Zombiefernsehen, dem schwächlichen Westen mit einem Atomkrieg zu kommen? All diesen Raketenübungen und -tests, was sollte das? Sie kosteten das doch aus, es gefiel ihnen selbst. Sie glaubten nur, sie rasselten mit ihren Atomwaffen, um Europa mit seinem rationalen Denken einzuschüchtern; sie glaubten nur, sie spielten bloß Wahnsinn vor, wie Schalamows ausgezehrte Knastbanditen in der Zone, die kreischend mit einer Rasierklinge herumfuchteln und sich damit selbst verletzen, um den Gefangenen, die größer und stärker sind als sie, noch mehr Angst einzujagen. In Wahrheit aber faszinierte sie die Apokalypse ebenfalls. Die Ärmsten hatten die Grenzen der materiellen Expansion erreicht, begriffen, dass sie diese Welt ausgeschöpft hatten, und waren nun bereit, sie auf null zu setzen, selbst wenn sie dabei mit ihr verbrennen mussten — weil ihnen von sich selbst unsäglich schlecht wurde. Existenzielle Angst. Suizidsyndrom. Eschatologischer Rausch.
Gut formuliert, du Hurensohn. Maxim sah sich im Spiegel an.
Es ging trotzdem nicht voran.
Auf Orpheus spielte Beethoven; säße Kirjucha auf dem Beifahrersitz, würde er sagen: Passt echt gut zum Bild, danke. Obwohl er dreimal so lange wie gewöhnlich bis nach Hause brauchte, war es mit diesem Soundtrack insgesamt sogar ganz schön gewesen. Maxim hatte große Reden geschwungen, aber die Apokalypse gefiel auch ihm im Grunde. Fleisch vom Fleische des Volkes, sozusagen.
Als er einparkte, rief er Marina an und sagte Bescheid; irgendwo dort brutzelten die gemütlichen Azbuka-Koteletts vor sich hin und warteten, bis Maxim mit dem Aufzug nach oben gefahren war, sich die Hände gewaschen hatte und in die Küche geschlendert kam.
Uljanas Tür war geschlossen, unter ihr fiel ein Lichtkeil hervor. Na schön, sollte sie da sitzen. In Maxim schaukelte nur ein bisschen Schuldgefühl ihr gegenüber, wie Bodensatz in einer Weinflasche, und auch das einzig wegen seiner eigenen Dickfelligkeit gegenüber ihrer Schwangerschaft. Aber dieses Schuldgefühl ließ sich leicht vertreiben — er musste sich nur daran erinnern, wie sie ihren Schläger verteidigt hatte. Wie ein Schäferhund.
Marina wartete in der Küche. Er küsste sie auf die Wange — die Wange war gespannt. Vielleicht hatte sich die Sache von gestern noch nicht gelegt.
— Na, wie war’s? Schrecklich?
— Finsternis hat die geliebte Stadt des Generalstaatsanwalts eingehüllt, scherzte Maxim.
— Armer Kerl. Wie lange warst du unterwegs? Drei Stunden? Möchtest du? — Sie berührte die Whiskyflasche.
— Gern.
Marina schenkte ihm zwei Fingerbreit ein und legte einen Eiswürfel dazu. Maxim nahm einen großen Schluck: Zuhause, süßes Zuhause. Stimmt’s?