KI-generierte Übersetzung · Russisches Original

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Dmitri Gluchowski · Registrierung

12.

Uljana wachte mit dem Gefühl auf, als hätte sie etwas Wunderschönes, etwas Magisches geträumt; sie versuchte, dieses Gefühl beim Schwanz zu packen, und als es ihr gelang, begriff sie: Das war ja gar kein Traum gewesen! Gestern hatte sie diese neue Superkraft bekommen, und heute war sie noch da, hatte sie noch immer. Vielen Dank an Onkel Maxim, dass er ihr geholfen hatte, den Satz zu beweisen. Als sie gestern gesehen hatte, wie er mit brennendem Arsch herumgerannt war, hatte Uljana an ihre Kräfte geglaubt. Sie hatte verstanden, dass ihr Plan funktionieren könnte.

Sie hatte mit Hilfe des Chats einen Entwurf zusammengeschustert, ihn dann in die Notizen auf ihrem Handy übertragen und schließlich noch einmal von Hand abgeschrieben, damit sie ihm während des Gesprächs nicht ihr eigenes Handy geben musste. Und jetzt hatte Uljana ein doppelt gefaltetes kariertes Blatt, wie bei einer Klassenarbeit in der Schule, und darauf stand ihr Aufsatz:

„An die Verwaltung des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands für die Stadt Moskau.

Anzeige.

Ich, Uljana Konstantinowna Zarewa, Passnummer soundso, ausgestellt von soundso am soundsovielten, wohnhaft in soundso, möchte über von mir aufgedeckte Tatsachen von Korruption und Erpressung in der Filiale Nr. 3 der Föderalen Staatlichen Haushaltsinstitution ‚3. Zentrales Militärkrankenhaus namens A. A. Wischnewski‘ des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation informieren, gelegen unter folgender Adresse: Gebiet Moskau, Stadt Odinzowo, Marschall-Birjusow-Straße 1.

Hiermit erkläre ich, dass die Leitung des Krankenhauses, nämlich der stellvertretende Chefarzt Artur Iwanowitsch Kowaljow, wahrscheinlich mit Wissen und unter Beteiligung des Chefarztes Alexej Alexejewitsch Timofejew von mir ein Bestechungsgeld in Höhe von 1.000.000 (eine Million) Rubel erpresst, damit die Eheschließung zwischen mir und meinem Verlobten, einem Teilnehmer der Spezialoperation, der bei der Ausführung eines Kampfeinsatzes schwer verwundet wurde und derzeit in der genannten Filiale Nr. 3 der Föderalen Staatlichen Haushaltsinstitution ‚Zentrales Militärklinisches Hauptkrankenhaus namens Wischnewski‘ behandelt wird, Alexander Witaljewitsch Lasarenko, vollzogen werden kann. Obwohl mir als Verlobter eines Teilnehmers der Spezialoperation gemäß Artikel 27 des Föderalen Gesetzes Nr. 143-FZ ‚Über Personenstandsurkunden‘ das Recht zusteht, die Ehe am Tag der Antragstellung registrieren zu lassen, hat Timofejew A. A. meine entsprechende Bitte abgelehnt und sich dabei auf die Auslastung des Standesamts und des Krankenhauspersonals berufen. Später verlangte er für die Genehmigung und Unterstützung bei der Eheschließung ein Bestechungsgeld.

Während unsere Kämpfer, darunter mein Verlobter Lasarenko A. W., ihr Leben riskieren und Blut vergießen, damit die Ziele der Spezialoperation erreicht werden, wie es unser Präsident W. W. Putin angeordnet hat, haben sich Leute wie Kowaljow A. I. und Timofejew A. A. an uns festgesaugt, saugen unser Blut und erpressen Geld von den Familien der Teilnehmer der Spezialoperation. Ich bin von Lasarenko A. W. schwanger und habe das volle Recht, als seine rechtmäßige Ehefrau registriert zu werden, um sein Kind großzuziehen, doch Kowaljow A. I. verweigert mir dieses Recht. Das ist Willkür in einem Krankenhaus des Verteidigungsministeriums und ein schreiender Fall von Korruption.

Ich bitte darum, unverzüglich Ermittlungen gegen Kowaljow A. I. und Timofejew A. A. einzuleiten und sie mit der ganzen Härte des Gesetzes zu bestrafen. Diesem Schreiben füge ich Aufnahmen meiner Gespräche mit den genannten Personen sowie mein Gebärmutter-Ultraschallbild bei.

Mit freundlichen Grüßen, U. Zarewa“

Von Hand gelang es ihr nicht beim ersten Versuch; seit der Schule hatte sie kaum noch geschrieben, ihre Finger waren es nicht mehr gewohnt. Sie fing an, versaute es, knüllte das Blatt zusammen, fing wieder von vorn an. Dann schrieb sie sich warm, und es ging schon besser. In der endgültigen Fassung hatte sie sich nur ein paarmal bei den Buchstaben vertan, aber das machte nichts, sie fuhr einfach noch einmal dicker darüber.

Trotzdem sah das Ganze ernst und beeindruckend aus. Uljana las es immer wieder durch, und sobald sie oben im Briefkopf die Buchstaben „FSB“ sah, lief ihr ein leichtes Zittern über den Körper.

Bis dahin hatte Uljana noch nie jemandem Angst eingejagt, sie konnte das einfach nicht. Gestern hatte sie es gelernt. Und ehrlich gesagt war das ein verfickt geiles Gefühl. Man hatte das Gefühl, man könnte jetzt im Leben alles bekommen, was man wollte. Es war fast wie Glück. Oder wie drei Tequila hintereinander.

Die Moskauer konnten Uljana jetzt mal am Arsch lecken. Sie hatte nicht einmal guten Morgen zu ihnen gesagt. Sollen sie sich ruhig abrackern, sollen sie sie ruhig hassen.

Uljana rannte zur Metro und hob beinahe vom Asphalt ab.

Auch alle Fahrgäste in der Metro schaute sie frech an. Viele, sogar Männer, zogen sich, sobald sich ihre Blicke trafen, wieder in sich zurück wie Schnecken, denen man auf die Fühler schnippt. Früher hatte Uljana oft davon geträumt, unsichtbar zu werden, aber jetzt sollten die anderen sich ruhig unsichtbar stellen.

Sie selbst fürchtete jetzt gar nichts mehr – weder, dass Sashas Mutter irgendwo schon vor der Tür stand, noch, dass Artur Iwanowitsch ihr nicht glauben würde. Alles war ihr jetzt gewachsen, alles lag in ihrer Macht. So ein Wahnsinnsgefühl, wie eine Hexe auf dem Besen.

Ding! – Kristinka schrieb ihr: „Stell dir mal vor, was.“

Uljana platzte fast vor Energie und rief Kris sofort selbst an. Sie wollte das alles mit ihr teilen, Kristinka ebenfalls an diesen Strom anschließen. Sie startete gleich einen Videoanruf. Kris war noch ungeschminkt, vom Schlaf – oder vom Weinen – ein bisschen aufgedunsen. Sie saß bei sich in der Küche, in einem viel zu großen Männer-T-Shirt.

„Haaallöchen!“

„Wie geht’s dir?“, lächelte Kristinka sie an.

„Mir geht’s super.“

„Oh! Super? Und wie geht’s Sascha?“, fragte Kris.

„Ach, das wird schon alles gut“, sagte Uljana zuversichtlich. „Er ist ja operiert worden.“

Denn sie konnte ihre Kraft auch mit ihm teilen. Die Ärzte dazu bringen, ihn gesund zu machen.

„Na, super. Und ich hier, also … Hab was erfahren.“

„Na los?“

„Anatoli Sergejewitsch hat den Salon tatsächlich dichtgemacht und zum Verkauf angeboten. Wegen Insolvenz. Mit dem ganzen Krempel, mit der Ausstattung.“

„Echt jetzt!“

„Tja, so ist es. Aus, Schluss, Ende.“

„Na, da hat er uns wohl zu Ende gefeuert.“

„So ungefähr.“

„Weißt du noch, wie er uns damals angeschrien hat?“

„Das vergisst man hier nicht. Und eine Abfindung gab’s auch nicht.“

„Die Karma-Rechnung ist wohl bei ihm eingegangen?“

„Sieht ganz danach aus.“

„Und … Für wie viel wird er verkauft?“

„Drei siebenhundert, glaube ich. Drei Millionen. Ganz schön viel.“

„Na ja, ganz schön viel, klar … Aber eigentlich war’s ein ganz ordentlicher Laden.“

„Früher“, erinnerte Kris sie und kicherte.

Uljana stellte sich plötzlich vor, wie sie als Siegerin aus Moskau nach Hause zurückkehrte, als ein anderer Mensch, und sich den heimischen Massagesalon kaufte. Nicht, um dort herumzusitzen und tagelang auf den chemisch-blauen Ozean zu starren, sondern um die Chefin zu sein. Das wäre mal eine Wendung. Was für eine Wendung!

„Und wie läuft’s bei dir?“, fragte sie Kristinka. „Was macht dein Typ?“

„Der soll in der Hölle schmoren“, versuchte sie zu lächeln.

„Amen“, lächelte Uljana zurück. „Ist das sein T-Shirt, oder was?“

„Wessen denn sonst.“

„Du bist mein Häschen.“

„Und du meins.“

„Und wie läuft’s mit der Arbeit?“

„Na ja … Wir suchen.“

„Keine Angst. Wir ficken sie alle noch. Ficken sie und trocknen sie aus“, versprach Uljana ihr und gab dem Bildschirm zum Abschied einen Kuss.

Sie legte das Handy weg und schaute aus dem Fenster. Der Bus steckte im Stau fest. Sie standen auf dem Autobahnkreuz an der Moskauer Ringautobahn. In die eine Richtung stand eine Million Autos, in die andere auch. Die kaputte Klimaanlage sog Abgase von draußen in den Innenraum. Von dem süßlichen Rauch wurde ihr schlecht.

Sie würde Anatoli Sergejewitsch ins Gesicht sehen. Sagen: Ich kaufe Ihnen den Salon ab – sein Gesicht würde sich dabei garantiert verziehen. Und in ihrem unbezwingbaren Moskau könnte Uljana vielleicht sogar heimisch werden – aber hallo! Und erst recht in Wologda, wenn sie dorthin zurückkehrte: Alles klar, ganz Wologda könnte sie sich nach Strich und Faden auf dem Schwanz herumdrehen, wie eine Königin.

• • •

Der Kopf hatte schon im Schlaf wehgetan, und als Tatjana die Augen aufschlug, tat er immer noch weh. Trotzdem stand sie genau mit dem Wecker auf, den sie sich auf halb sechs morgens gestellt hatte, und erlaubte sich nicht, weiterzuschlafen. Das war jetzt wichtig.

Sie legte die Manschette des Blutdruckmessgeräts um ihre schlaffe Schulter und pumpte mit der Gummibirne Blut in den Arm. Der zerzauste Witalja saß mit dem Stethoskop da – sie maßen auf die alte Art –, wie ein gelehrter Makak, und schaute durch seine bespritzte Brille auf die Skala. Sie maßen 170 zu 110. Tatjana gefiel das nicht und sie zwang ihn, noch einmal zu messen. Sie maßen erneut, und es kam wieder dasselbe heraus.

„Der ist doch hoch, Tanja“, sah Witalja sie flehentlich über seine Affenbrille hinweg an. „Pass auf, sonst erwischt’s dich wieder.“

„Ich fahre trotzdem“, antwortete sie entschieden. „Sonst setzt sie uns noch auf die Straße.“

„Na, dann fahre ich wohl, ka-tsche, mit dir“, beschloss er. „Allein fährst du mir nicht.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt. Wir brauchen doch Geld für alles“, widersprach Tatjana. „Und was ist mit den Kindern?“

„Die kommen schon allein klar.“

Tatjana schaute Witalja an, seine weißlichen Haare, die wie ein Kranz um die Glatze lagen, seine durchsichtigen Augen, die wenigen gelben Zähne, verfärbt von Zigaretten und Tee, die vor Ernst zusammengezogenen Brauen, und plötzlich empfand sie Dankbarkeit für ihn. Ein unbekanntes, vergessenes Gefühl. Allein hätte sie selbst doch auch Angst gehabt, so ins Ungewisse zu fahren. Von Witalja würde ihr dort so viel helfen wie Ziegenmilch, aber immerhin wäre sie nicht allein.

„Na gut, von mir aus“, sagte sie ärgerlich zu ihm. „Los, mach dich fertig.“

Swetka hatte ihr neulich sowieso keine Fahrkarten besorgt. Alles musste sie selbst machen. Witalja konnte nicht übers Handy buchen, also fuhren sie zusammen zum Bahnhof und kauften die Fahrkarten am Schalter. Sie waren dann viel zu früh da. Also setzten sie sich in ein Café, und Witalja bestellte sich ein Bier.

„Und was ist nun mit der OP, wie war die?“, fragte er. „Weiß man nichts?“

„Ich komme nicht durch. Auf der Intensivstation geht keiner ran.“ Tatjana zog seine Flasche zu sich heran und nahm selbst einen großen Schluck: bitter, kalt. „Na, wenn wir erst da sind, werden sie’s uns schon sagen.“

„Tanja … Für dich ist das mit dem Alkohol doch nicht … Wasser wäre besser.“

„Ich weiß selbst.“

Fette Fliegen krabbelten über den Tisch und tranken ebenfalls Bier aus den Pfützen. Man scheuchte sie weg, und eine Sekunde später saßen sie wieder da. Tatjana schnellte mit der Hand vor und fing eine mitten in der Luft in der Faust. Sie hatte sie gefangen und zerquetschte sie. Dann warf sie sie weg und wischte die Handfläche am Sommerkleid ab. Die Fliege zappelte noch eine Weile auf dem Boden, summte, dann wurde sie müde und starb. Die anderen Fliegen lernten daraus nichts.

Der Zug wurde bereitgestellt, und Witalja und sie rannten schnell zu ihrem Wagen. Sie stiegen ein und setzten sich. Witalja schaute aus dem Fenster, das interessierte ihn. Tatjana nahm wieder ihr Handy in die Hand. Sie öffnete den Chat mit Uljanka. Die hatte sich nicht dazu herabgelassen, ihr noch etwas zu schreiben. Alles war bei „Miststück“ stehen geblieben.

Und ein Miststück ist sie auch, sagte Tatjana sich fest. Hast du ihn etwa großgezogen? Hast du ihn gestillt? Hast du ihn durch die Röteln gebracht, ihm die Windpockenpusteln mit Brillantgrün eingeschmiert, die endlosen Bronchitisanfälle während der ganzen Kindergartenzeit mitgemacht? Hast du ihm etwa Schröpfgläser und Senfpflaster aufgelegt? Hast du mit ihm die Schulaufgaben gemacht, hast du ihm etwa im zweiten Schuljahr Mikhalkows ‚Onkel Stjopa‘ auswendig beigebracht? Bestimmt nicht du! Als er sich die Knochen brach, als der Dummkopf von den Garagen sprang, hast du ihn da von Krankenhaus zu Krankenhaus geschleppt, damit alles richtig zusammenwuchs? Hast du mit ihm gekämpft und dich mit ihm gestritten, als er in der achten Klasse die Schulprüfungen nicht schaffte? Hast du ihn den Halbstarken aus dem Viertel wieder entrissen, als er sich angewöhnt hatte, mit ihnen Dope zu rauchen? Und als ihn die Miliz drei Tage festhielt und verprügelte, bis an dem Jungen kein Fleck mehr heil war – wer hat ihn da freigekauft? Ganz sicher nicht du! Nein, du bist doch wohl erst dazugekommen, als alles schon fertig war, wie ein Geier. Hast ihn mit deiner Möse geködert, na und, was ist daran schon Besonderes, der Junge hatte ja nicht gerade viel Erfahrung mit so was und hat sich deshalb gefreut. Nein, nicht mit dir. Wir, wir haben ihn großgezogen und erzogen, wir haben ihn getränkt und gefüttert, ihm Vernunft eingebläut, also haben wir auch hier das Sagen. Für dich ist er Beute, du hast ihn dir geschnappt, damit du nicht als alte Jungfer endest. Für uns ist er unser eigen Fleisch und Blut, unser Saschenka, unsere Hoffnung, unsere Stütze. Und wir haben ihn fortgeschickt, ja, zum Dienen, weil wir es selbst nicht mehr geschafft hätten. Sonst hätten wir eben den Rest unseres Lebens in unserer Bruchbude verbracht. Von der Rente leben, oder was? Man rackert sich also das ganze Leben krumm, und Dank sieht man trotzdem keinen. Und soll Tatjana mit ihrem Blutdruck und ihren Krisen im Alter etwa Kartoffeln ausgraben, damit sie nicht verhungert? Soll das so sein? In Sowjetzeiten hat man doch niemanden im Stich gelassen, niemand musste für Ärzte zahlen, für Medikamente haben sie auch nicht so viel verlangt, und von der Rente konnte man wenigstens halbwegs menschenwürdig leben. Was sollen die Alten heute machen? Zum Glück denkt man wenigstens an die Militärs, man ist ihnen dankbar, Putin sagt ja ständig, sie seien Verteidiger, und gibt ihnen auch noch Geld dazu. So muss es sein, der Staat muss das tun, wir leben schließlich alle in diesem Staat, ziehen unsere Söhnchen für ihn groß, erziehen Helden für ihn, damit sie dem Land dienen, die Grenzen schützen, uns hier verteidigen. Auch Saschka ist gegangen, für uns ist er gegangen, nicht für diese Schlampe, sondern für unser ruhiges Alter, für Mutter und Vater. Wenigstens hat er getan, was sich gehörte. Was hätte er im Zivilleben schon erreicht? Hätte sich wohl zugedröhnt, mehr nicht. Sie würde ihn gar nicht heiraten wollen, wenn es nicht um das viele Geld ginge, schwanger geworden wäre sie auch nicht. Wir kennen doch solche Weiber. Nein, danke! Weißt du, wohin du dich scheren kannst?

Witalja wandte sich vom Fenster ab. Er sah Tatjana an. Zögerte.

„Weißt du noch, Tanja, wie er von den Garagen gefallen ist, Saschka?“

„Er ist nicht gefallen, er ist gesprungen.“

„Na, gesprungen.“

„Und?“

„Die sind damals doch Krieg spielen gegangen, ka-tsche. Mit den Jungs aus dem Haus da. Er hatte noch so ein weißes Gewehr mit Saugnäpfen.“

„Als ob ich mich daran nicht erinnern würde. Und wer hat ihn denn ins Krankenhaus gefahren?“

Witalja kratzte sich an den Stoppeln und überlegte.

„Ins Krankenhaus bist du gefahren. Aber ich habe ihn von der Straße nach Hause gebracht. Und da hüpft er auf einem Bein, hält sich an mir fest, wie heißt das, wimmert, und ich sage noch zu ihm: Heul nicht, sei ein Mann. Dann fiel mir ein: Wo ist denn dein Gewehr, Sanja? Und er so: Verloren. Sollen wir suchen gehen? Geh ich nicht. Wie, du gehst nicht? Das Gewehr hat doch Geld gekostet! Na, Papa, geh ich eben nicht. Das Spiel ist nämlich bescheuert. So war’s.“

Der Waggon hatte sich in der Sonne aufgeheizt, und das Fenster ließ sich nicht öffnen – ein moderner Zug mit Klimaanlage, nur funktionierte die Klimaanlage nicht. Sie fuhren wie in einer Gaskammer. Die alten Waggons waren besser. Die Schaffnerin kam herein, um noch einmal die Fahrkarten zu kontrollieren. Tatjana beschwerte sich bei ihr über die stickige Luft. Die zuckte nur mit den Schultern und bot Mineralwasser an. Sie bestellten welches, damit sie wenigstens ihre Tabletten damit hinunterspülen konnten.

„Ich erinnere mich doch an dieses weiße Gewehr“, keuchte Tatjana und fächelte sich mit der Speisekarte des Bordrestaurants Luft zu. „Danach ist er los und hat es wiedergefunden. Das Gewehr lag bei Danka Winogradow zu Hause herum.“

• • •

Doch als der Halt „Krankenhaus“ angekündigt wurde, verflog Uljanas ganzer Übermut ganz plötzlich. Und auf einmal schien ihr der Plan idiotisch, und einen Plan B hatte sie nicht. Noch am Morgen hatte sie Artur Iwanowitsch geschrieben, dass sie alles beisammenhabe, dass sich gute Menschen gefunden hätten, und um einen Termin gebeten. Er hatte ihr einen Zeitpunkt genannt und sie außerdem beruhigt, dass Sascha am Leben sei. Dabei war sie ohne Geld unterwegs, nur mit einem karierten Blatt Papier. Was, wenn er ihr nicht glaubte? Oder wenn er sagte: Na, dann schick deine Anzeige, wohin du willst, sollen die sich darum kümmern. Und was dann? Wie lange würden die sich damit befassen? Bei denen ging es jetzt doch bestimmt Schlag auf Schlag … Terroristen, ukrainische Saboteure, diese ganzen ausländischen Agenten, für alle reicht die Zeit nicht. Bis Uljanas Sache dort an die Reihe kam … Und außerdem würde sie sich jetzt mit Artur Iwanowitsch zerstreiten und gleich noch mit dem Chefarzt. Wie sollte sie das hinterher wieder hinbiegen?

Ihre Beine knickten ein wie bei einem Plüschtier, es wurde schwer, darauf zu gehen, sie wollte sich an die Wand lehnen und dort sitzen bleiben. Und dann musste sie auch noch die Treppe hinauf, zu Artur Iwanowitschs Büro. Aber sie musste da hin, woanders konnte sie nicht hin. Entweder das hier, oder sie kehrte mit nichts in der Tasche und völlig ausgeweidet nach Wologda zurück. Also trottete sie auf ihren Plüschbeinen los.

Uljana wartete darauf, aufgerufen zu werden, fing an zu schwitzen, und während sie wartete und die erschöpften Gesichter der anderen Frauen betrachtete, schwitzte sie auch den letzten Rest ihrer Frechheit aus sich heraus. Ihr wurde flau. Dabei hatte sie gehofft, dass es sie verschonen würde, dass sie die Schwangerschaft ohne all das durchstehen könnte.

„Zarewa!“

Uljana raffte sich auf. Jetzt! Sie durfte ihm nicht zeigen, dass sie auch nur ein Gramm Zweifel hatte. Wenn sie selbst jetzt nicht wieder daran glaubte, dass sie ihn zu Staub zermahlen könnte, würde Artur Iwanowitsch ihr erst recht nicht glauben. Schließlich war er beim Chefarzt genau für diese Seite zuständig, für den menschlichen Umgang. Er musste sich damit auskennen.

Sie straffte ihre breiten Schultern. Sie dachte daran, wie es Onkel Maxim gestern verdreht hatte, wie Tante Marina sich eingeschleimt hatte, dachte an Anatoli Sergejewitsch und an Wologda und lud ihre Energie wieder auf. Sie trat ein, ohne auch nur anzuklopfen.

„Guten Tag“, lächelte Artur Iwanowitsch sie freundlich und kumpelhaft an. „Ich habe mich gerade nach Ihrem Lasarenko erkundigt.“

„Und, wie geht es ihm?“

„Nun, man empfiehlt vorerst, ihn nicht aufzuwecken. Die Operation war schwer. Also kommt bei Ihnen alles zusammen. Sie machen alles richtig, daran müssen Sie nicht zweifeln.“

„Verstehe.“

„Na, sehr gut.“

Wieder ging er zur Tür, prüfte noch einmal das Schloss. Ob das wohl so ein Ritual von ihm war? Er setzte sich ihr gegenüber.

„Hat es geklappt?“

„Hat geklappt. Eine Million, richtig?“

„Ganz richtig. Sie haben das Geld in der Tüte dabei, ja? Lassen Sie die Tüte einfach unter dem Tisch liegen, das ist alles. Und dann, wissen Sie, kommen Sie so gegen zwei, drei Uhr wieder hierher. Dann kommen die Mitarbeiter vom Standesamt zu uns, und wir erledigen die Formalitäten. Nicht am selben Tag, versteht sich, aber wenn man unsere Auslastung berücksichtigt … Abgemacht?“

Artur Iwanowitsch war jetzt ganz warm und sanft. So jemand sollte Kinderarzt sein und nicht in einem Militärkrankenhaus arbeiten.

„Ich habe es nicht in einer Tüte“, sagte Uljana. „Ich habe das hier.“

Sie zog ein zusammengefaltetes Blatt aus ihrer Handtasche und reichte es ihm. Artur Iwanowitsch runzelte die Stirn und zögerte, nahm das Blatt aber. Er faltete es auseinander. Und sofort, kaum hatte er den Briefkopf gesehen, wurde sein Gesicht wie nach Botox taub und glatt. Die Fältchen um seine Augen erloschen.

„Was für ein Unsinn“, sagte er, nachdem er es zu Ende gelesen hatte.

Dann hustete er – offenbar hatte es ihm im Hals gekratzt, er musste einfach. Uljana bemerkte das und wurde ein wenig heiterer.

„Ich habe alles auf dem Handy aufgenommen. Alle Gespräche. Mit Ihnen und mit Alexej Alexejewitsch.“

Da nahm er ihren Brief und riss ihn entzwei, dann noch einmal entzwei und noch einmal. Er zerriss ihn und warf ihn in den Papierkorb. Dann lächelte er Uljana an. Aber sein Lächeln war ganz schön wacklig.

„Das habe ich nur so gemacht, damit Sie es bequemer lesen können. Auf der Website geht das ja jetzt, direkt auf der Website des FSB kann man so etwas einreichen. Da gibt es ein spezielles Formular, da fügt man den Text ein, und man kann direkt Dateien anhängen“, erklärte sie.

„Und glaubst du“, sagte Artur Iwanowitsch in demselben netten Ton wie zuvor, nur wieder heiser, „wer die besseren Kontakte beim FSB hat, du oder wir? Auf wen werden sie hören? Was meinst du?“

Uljana zuckte mit den Schultern. Sie wandte den Blick nicht ab, bohrte mit den Augen in Artur Iwanowitsch. Sie spürte, wie sich in ihr wieder der ganze Schlamm vom Grund hob, den er aufgewühlt hatte – genau wie Onkel Maxim gestern und vorgestern. Eine grausame Kampfeslust erwachte in ihr.

„Eins weiß ich“, sang sie. „Ihr mögt dort alle möglichen Kontakte haben, aber hier steht der Staat auf meiner Seite. Ich bin im Recht. Mein Verlobter liegt im Sterben, und Sie pressen Geld aus mir heraus. Und er hat gekämpft. Da gibt’s keine zwei Meinungen.“

„Keine zwei Meinungen? Meinst du?“, schüttelte Artur Iwanowitsch den Kopf. „Du hast eine ziemlich schlechte Vorstellung von der ganzen Situation, meine Liebe.“

„Na, dann gehe ich jetzt. Ich schicke es ab.“ Uljana stand auf. „Geld habe ich sowieso keins, also habe ich nichts zu verlieren, oder?“

„Doch. Glaub mir, du hast etwas zu verlieren.“

Das hatte er jetzt ganz anders gesagt, nicht mehr freundlich. Uljana begriff, worauf er anspielte, und wedelte mit ihrem Handy vor Artur Iwanowitsch herum.

„Übrigens wird dieses Gespräch auch gerade mit dem Diktiergerät aufgenommen.“

Sie ging daran, das Türschloss aufzubrechen. In den Ohren pochte es, im Mund sammelte sich beißender Speichel – gleich würde sie sich übergeben. Der Schlüssel glitt ihr aus den Händen. Die Zeit erstarrte.

„Halt“, befahl er ihr.

„Was?“ Uljana drehte sich um.

„Ich muss mich beraten. Vielleicht finden wir eine Möglichkeit. Ausnahmsweise“, sagte er langsam, als würde er gleichzeitig weiter nachdenken. „Du … Geh erst mal draußen auf dem Gelände spazieren. Fahr nicht weg. Wir versuchen, noch eine Lösung zu finden.“

Und schon war seine Stimme wieder warm geworden, schon wollte er Uljana wieder helfen. Die strahlenförmigen Fältchen um seine Augen lächelten wieder.

„Aber gehen Sie nirgendwohin, ja? Uljana Konstantinowna. Sonst müssen wir Sie hinterher noch überall suchen!“

• • •

Es war buchstäblich, als stünde mitten im Wohnzimmer ein Sarg, darin ein fein gekleideter Toter, und als dürfe man in seiner Gegenwart weder scherzen noch laut reden. So eine Stimmung herrschte morgens in der Wohnung.

Bevor Maxim es bis zur Toilette wagte, lauschte er erst: Wer war schon auf, wer im Flur, wer in der Küche? Er wollte niemandem über den Weg laufen, weder Uljana noch Marina noch Kirill. Besonders Kirill nicht – nach dieser peinlichen Ohrfeige, die Maxim ihm verpasst hatte. Es war ihm entsetzlich peinlich, zumal er sich seinem Sohn gegenüber noch nie etwas erlaubt hatte, abgesehen von symbolischen Klapsen in der frühen Kindheit. Und immer wieder sah er Kirjuschas erschrockenes, gekränktes Gesicht vor sich, als er ihm eine geschmiert hatte. Irgendwie war er völlig neben sich gewesen.

Danach hatten Marina und er nicht mehr miteinander gesprochen; die ganze Nacht hatten sie nebeneinander geschwiegen. Gegen Morgen schien es, als würden sie nie wieder miteinander reden lernen. Und trotzdem konnte Maxim sich nicht dazu zwingen, den ersten Schritt zu machen. Stattdessen schloss er sich wieder im Bad ein und vertrödelte dort die Zeit, damit sie in der Küche endlich alles aufessen konnten, während er selbst «Mediazona» und «Meduza» durchforstete. Er las und las und las, bis es ihm zum Hals heraushing.

„Von da aus lässt es sich für euch alle leicht in die Scheiße reinquatschen“, sagte er laut zu ihnen und schleuderte das Handy auf die Badematte.

Jemand klopfte mit demonstrativem Nachdruck an die Tür. Maxim war sogar froh darüber: So konnte er dieses dämliche Schweigespiel beenden.

„Kann man hier nicht mal in Ruhe scheißen gehen?!“, brüllte er.

„Du wohnst hier übrigens nicht allein“, antwortete Marina kühl von draußen.

Na also, das Eis war gebrochen. Er konnte wieder rauskommen.

Aber er konnte sich trotzdem nicht dazu überwinden, Kirill anzusehen, und der wollte seinem Vater auch nicht in die Augen sehen. Heute war er irgendwie so krumm, seine ganze Haltung schien verschwunden. Maxim bemerkte es, und plötzlich wollte er weinen: als hätte er als kleiner Junge mühsam eine wunderschöne riesige Sandburg gebaut, sich dann ungeschickt umgedreht und den höchsten, zierlichsten Turm selbst zum Einsturz gebracht.

Er seufzte.

„Kirill“, sagte Maxim. „Ich möchte mich bei dir entschuldigen.“

„Okay“, antwortete er und scrollte wütend durch Instagram-Reels.

„Lass mich … Lass mich dich fahren, ja? Wo musst du hin? Wir fahren zusammen.“

„Du musst doch zur Arbeit. Lass mal.“

„Na ja, dann komme ich eben später. Ich bin doch Schuldirektor.“

„Was?“

„Ein Witz.“

„Das liegt nicht auf deinem Weg. Mit der Metro bin ich schneller.“

„Passt schon.“

Kirill schwieg, schmatzte leise. Zog Luft durch die Nasenlöcher ein. Aber seinen Vater sah er immer noch nicht an.

„Na, okay.“

Sie stiegen ins Auto, rangierten heraus und fuhren den Leninski-Prospekt entlang, durch die vom Sturm ramponierte Stadt. Orange gekleidete Straßenarbeiter belagerten die umgestürzten Bäume, zerteilten sie und schrubbten mit Shampoo den Dreck weg. Sie beeilten sich, damit in Moskau spätestens zum Mittag wieder alles perfekt war.

Kirill sagte nichts. Auf seinem Handy flimmerten Partybilder, kurvige junge Damen in Badeanzügen wanden sich verführerisch, manchmal hielt er an, um sich stumm untertitelte Zusammenschnitte von Stand-up-Comedians anzusehen, lachte aber nicht darüber.

„Na ja, du könntest vielleicht auch mal ein bisschen … mit deinem endlosen Feiern kürzertreten, wenn ich ehrlich bin“, sagte Maxim unbeholfen.

„Na und, stört das irgendwen, oder was?“ Er löste den Blick nicht vom Bildschirm. „Dich etwa? Na, dann zieh ich eben aus.“

„Was hat das denn damit zu tun?“

„Womit denn dann?“

„Wir machen uns Sorgen um dich, weißt du … Deine Mutter und ich.“

„Und was soll mir deiner Meinung nach passieren?“ Kirill sah ihn an.

„Ich verstehe einfach nicht, was dich so besessen macht von diesen Clubs, Bars … Vielleicht erklärst du es mir? Das geht ja schon bis zur Raserei.“

Kirill grinste und vergrub das Gesicht wieder in seinem Handy.

„Das ist einfach das Leben, Papa. Mein Leben. Kann ich nicht einfach leben?“

„Denkst du nicht daran, wie sehr das manche Leute aufregt? Die dort … im Krieg.“

„Soll ich jetzt auch noch an die denken? Verletzung der Gefühle von Teilnehmern der militärischen Spezialoperation? Ist das dein Ernst?“

„Nein, ich …“ Maxim wusste nicht, wie er es sagen sollte.

„Was denn, geht es dir um Uljana?“ Kirill hatte es erraten.

Maxim nickte vage und umklammerte das Lenkrad fester.

„Was soll sie denn schon machen?“

„Alles Mögliche, Kirill. Sie ist nicht sie selbst, verstehst du? Ihre Lage ist so, dass … Wie soll ich sagen … Sie ist buchstäblich durchgedreht. Und warum, warum hast du ihr von deinem Einberufungsbescheid erzählt?“

Kirjuscha wandte den Blick endlich von seinem Handy ab. Auf dem kleinen Bildschirm alberte immer noch jemand herum.

„Hat sie euch etwa terrorisiert, oder was?“

„Darum geht es nicht!“

„Worum dann?“ Kirill lächelte. „Was hat sich denn sonst verändert?“

„Vielleicht will ich ja selbst verstehen, was dich daran so anzieht! Was denn? Und es wird dir nicht mal langweilig!“

Kirill drehte sich zu ihm und sah ihn an, als wäre er ein Fremder.

„Na, was soll ich denn machen? Zu Hause sitzen und zittern, oder was? Papa! Verstehst du nicht, dass genau das die wollen? Dass wir entweder Krieg führen oder den Hitlergruß machen oder zu Hause hocken, uns in die Hosen scheißen und uns vorbereiten. Dass wir verdammt noch mal nicht leben! Dabei können wir genau das – leben!“

Maxim nahm die rechte Hand vom Lenkrad, streckte sie zu Kirill hinüber und berührte seine Hand – doch der zog sie weg.

• • •

Es gibt solche chinesischen Fallen für Kakerlaken: ein kleines Kästchen, innen mit irgendwas Süßem bestrichen. Sie krabbeln hinein, bleiben kleben und vergiften sich dort. Eine praktische Falle. Ist sie voll, wirft man sie weg. Uljana hatte so eine unten im Keller, in ihrem Massagestudio, gekauft. Und jetzt war sie wohl selbst in so eine gekrochen. „Bleiben Sie, wo Sie sind“, hatte Uljana Konstantinowna gesagt. „Kriechen Sie bloß nirgendwohin, sonst müssen wir Sie nachher noch suchen. Wer von Ihnen hat wohl die besseren Verbindungen beim FSB?“

Also setzte Uljana sich hin und wartete ab, wie es weiterging, mitten im Krankenhausinnenhof auf eine freie Bank neben einer breit ausladenden Fichte. Sie konnten ihnen sowieso nirgendwo entkommen, und wenn sie beschlossen, sie zu erledigen, würden sie sie überall finden und erledigen. Nein, sie musste sich im Gegenteil direkt vor ihren Augen aufhalten, ihnen auf die Nerven gehen, zeigen, dass Uljana keine Angst hatte, dass sie völlig durchgeknallt war. Sollen die sich ruhig selbst Gedanken machen!

Es wird schon alles gutgehen.

Sie musste nur an sich glauben. Kaum hatte Uljana angefangen, an sich zu glauben, fügte sich die Welt schon nach ihrem Wunsch, wie angewärmte Knete, genau wie es beim Reality-Transsurfing hieß. Sie musste einfach manifestieren, dass alles klappen würde. Dass Artur Iwanowitsch einknicken und nachgeben würde, dass sie sie heute trauen würden, dass Sascha bald entlassen würde, dass ihr Geld für eine Einzimmerwohnung in Odinzowo reichen würde, dass sie sich hier irgendwie einrichten würden, dass sie ihre Mutter herholen würden, dass er vom Militär seine Prothesen bekommen würde und für sie so etwas wie ein normales menschliches Leben beginnen würde. Sascha würde natürlich überrascht sein, wenn er aufwachte und sie mit Uljana schon verheiratet war, aber er hatte ja selbst zugestimmt, also war das im Grunde kein Betrug. Er würde sich sogar freuen, Sascha; schließlich hatte er sich gefreut, als er das Ultraschallbild gesehen hatte – und darauf seinen Erben.

Ohne Bilder war es schwierig zu manifestieren, also schummelte Uljana ein wenig, um es sich leichter zu machen. Sie öffnete CIAN, stöberte herum und suchte Wohnungen in ihrem Preisrahmen. Sie fand eine – ein Studio in einem Neubau, nicht direkt in Odinzowo, sondern etwas weiter draußen, dafür war das ganze Viertel neu, die Spielplätze für Kinder waren der absolute Wahnsinn. Renoviert war allerdings noch nichts, alles war Beton, aber der Blick ging auf eine grüne Anlage. Sie kniff die Augen zusammen und wollte sich Sascha im Rollstuhl am Fenster vorstellen – aber es wollte einfach nicht klappen, Sascha materialisierte sich nicht. Also wischte sie zur nächsten Wohnung. Die war alt, ziemlich heruntergekommen, offenbar von Säufern bewohnt gewesen, aber dafür deutlich geräumiger, mit Blick auf den Hof; dort standen Chruschtschowka-Blocks, also war auch dieses Haus eine Chruschtschowka, na und, dafür gab es hier ein separates Schlafzimmer und noch ein kleines Zimmer, so etwas wie ein Wohnzimmer. Das hieß, Sascha könnte zum Beispiel im Schlafzimmer sein und Uljana, wenn es nötig wäre, im Wohnzimmer. Da gab es also Platz, sich aus dem Weg zu gehen, und das machte es immerhin leichter – in einer Einzimmerwohnung müsste sie sich, wenn es so weit wäre, in der Küche verschanzen, und in einem Studio gäbe es überhaupt keinen Rückzugsort, obwohl das so modern klang. Sie versuchte, sich ihr Familienleben in dieser Chruschtschowka zu manifestieren, aber wieder wollte Sascha nicht erscheinen – nur ein in Laken gewickelter Sack lag auf dem Bett, wie in einem Horrorfilm. Uljana riss lieber die Augen auf, aus Angst, es könnte Wirklichkeit werden. Na gut, da war noch eine Wohnung ganz in der Nähe des Krankenhauses, eine Einzimmerwohnung, in die man aber sofort nach der Entlassung einziehen könnte, und zwar in einem hohen Stockwerk. Und aus dem Fenster konnte man sehen – das Krankenhaus selbst, genau das: dort der gegossene Betonzaun mit Stacheldraht oben drauf, dort die Zufahrten, dort das Hauptgebäude. Hier gab es eine Loggia, auf die sie Sascha hinausschieben könnte, damit er frische Luft bekam, während sie mit dem Kind … Aber Sascha wollte sich ihr partout nicht vorstellen, er wollte nicht in diese Wohnung, passte nicht auf die Loggia. Uljana bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend: Früher war Wohnungssuche für sie gewesen wie süßes Kaugummikauen – auch wenn der Magen leer war, schmeckte es wenigstens. Aber jetzt war irgendetwas aus dem Takt geraten, ihre Fantasie hatte sie im Stich gelassen, und von dieser leeren Süße wurde ihr übel. Wahrscheinlich doch die Schwangerschaftsübelkeit.

Sie sprang auf und lief im Hof herum, als wollte sie aus dem vergifteten Sirup ausbrechen, doch ihre Beinchen blieben kleben, verhedderten sich, klebten zusammen. Was ließen die sich so viel Zeit? Tatjana war doch bestimmt schon unterwegs, in einem rumpelnden Zug, und würde ganz bald am Jaroslawler Bahnhof sein; vielleicht war sie sogar schon angekommen, vielleicht saß sie schon im Bus oder gar im Taxi, fuhr hierher, um Uljana im letzten Moment alles wegzunehmen, alles zunichtezumachen. Nein, nein, daran durfte sie nicht denken, damit sich wenigstens das nicht manifestierte. Sie würde es nicht mehr rechtzeitig schaffen, alles würde jetzt richtig laufen, alles würde so werden, wie Uljana es brauchte.

Laut sagte sie: „Alles soll nach meinem Willen geschehen“, kniff noch einmal so fest wie möglich die Augen zu und summte leise vor sich hin, wie sie es als Kind getan hatte, wenn sie sich etwas wünschte. Eine Minute lang summte sie wohl, dann klingelte ihr Handy. Sie zuckte richtig zusammen.

Es war ihre Mutter.

„Uljasch …“

„Es passt gerade schlecht, Mama. Ich warte auf einen Anruf.“

„Wie geht es dir denn, mein Kind?“ Ihre Stimme war so sanft, sogar zu sanft.

„Geht so. Sascha geht’s nicht besonders.“

„Ach, du meine Güte. Hör mal … Tante Marina hat mich angerufen. Sie sagt, ihr habt euch gestritten.“

„Wir haben noch nicht gestritten, Mama. Die haben beschlossen, Onkel Maxim und ich müssten uns von ihnen das Leben erklären lassen.“

„Sie sagt, du hättest gedroht, eine Anzeige gegen sie zu erstatten … wegen Kirjuscha. Du hast doch so was nicht gesagt, mein Schatz?“

Uljana schwieg. Ihr erster Gedanke war, ihrer Mutter zu sagen, dass sie nur Spaß gemacht hatte. Einfach, um sie zu beruhigen, denn ihre Mutter klang nicht streng, sondern flehend, mitleiderregend. Dann dachte sie nach: Das waren sie, Onkel und Tante, die über ihre Mutter Druck auf sie ausüben wollten, über ihre schwesterliche Liebe zu Tante Marina, über ihre Freundschaft seit Kindertagen; mit der einschmeichelnden Stimme ihrer Mutter wollten sie in Uljana hineinkriechen, ihr Mitleid wecken und ihr Gewissen anrühren, sie weichklopfen und zerquetschen. Ihre Mutter hatte noch gar nichts davon ausgesprochen, und Uljana hatte es trotzdem schon gehört. Das Wichtigste hatte sie gehört: dass sie Angst hatten, dass Onkel und Tante sie ernst nahmen und nun über ihre Mutter um Verhandlungen baten. Sie hatten angebissen, und der Haken bohrte sich ihnen ins Innere. Sie wollten zurück in die Vergangenheit, in der sie weder Angst noch Zweifel kannten. In der sie wichtiger und mächtiger gewesen waren. Schlaumeier.

Ja, am Arsch.

Warum sollte sie sie vom Haken lassen? Sollen sie ruhig noch zappeln. Es war ein angenehmes Gefühl gewesen, wie sie in Hektik verfielen, hin und her liefen. Ein angenehmes Gefühl, wie sie in den eigenen Palästen auf Zehenspitzen gingen. Und dafür, dass sie versucht hatten, über ihre Mutter an sie ranzukommen, diese Miststücke, musste sie sie noch härter bestrafen.

„Na ja, hab ich gesagt.“

„Uljasch, was soll das? Das sind doch Verwandte! Wie kannst du nur? Du wohnst doch auch bei ihnen …“

„Genau so“, schnitt Uljana ihr das Wort ab. „Hab ich gesagt, Mama. Stimmt. Und weißt du, wie das heißt, was sie mit dir macht? Das heißt ‚Manipulation‘. Denn weißt du, wer wir für sie eigentlich sind? Dumme Bauerntrampel. Wir sind Provinz. Wir sind Scheiße. Solange sie Mitleid mit uns haben können, behandeln sie uns noch ganz okay. Aber sobald wir ein kleines bisschen aufsteigen – zack, verdammt. Du sollst gefälligst mit ihr befreundet sein. Schwester und so weiter. Aber ich hab da keine Lust mehr drauf.“

„Uljasch, mein Schatz …“

„Leck mich.“

„Ich bitte dich als deine Mutter … Als deine Mutter …“

„Siehst du? Siehst du, was?! Diese hinterhältigen Drecksäcke!“

„Uljasch …“

„Nein! Kein Uljasch! Ist dir überhaupt klar, was hier bei mir los ist?! Bist du auf ihrer Seite oder auf meiner?! Willst du dich überhaupt nicht erkundigen, wie es Sascha geht, was mit der Trauung ist?“

„Ich bin auf deiner Seite, auf deiner … Wie geht es ihm?“

„Scheiße!“

Sie legte bei ihrer Mutter auf. Ihr war seltsam zumute. Das war so ein Wutanfall gewesen, der nicht aus dem Herzen kam, sondern aus dem Kopf, einer, den sie wie Dämonen in sich selbst heraufbeschworen hatte. Aber gerade war er nützlich für sie, er hatte die beinahe erschlaffte Uljanka wieder aufgepumpt. Und ihre Mutter … Wohin sollte ihre Mutter schon vor ihr fliehen? Wenn es darauf ankam, würde sie sich ganz sicher für Uljana entscheiden und nicht für die Moskauer.

Sie steckte das Handy in ihre Handtasche wie eine Pistole ins Holster. Lief mit gespielter Empörung im Hof umher. Und wieder klingelte es. Diesmal: Artur Iwanowitsch!

Sie zog es aus der Tasche und ließ es versehentlich auf den Asphalt fallen. Es landete flach auf dem Boden. Uljana erschrak, dass das Display zerbrechen könnte, hob es auf – aber es war heil. Gott sei Dank, ein gutes Zeichen.

„Uljana Konstantinowna? Wir haben Ihre Situation mit der Leitung besprochen.“ Jetzt klang er nicht mehr süßlich, sondern nüchtern und geschäftsmäßig.

„Ich höre.“

„Wir haben Folgendes beschlossen. Eine dienstliche Pflichtverletzung, wie Sie es von uns verlangen, können wir nicht begehen. Lasarenko mit Ihnen zu trauen, solange er bewusstlos ist, sind wir selbstverständlich nicht bereit, und die Standesbeamten würden dem ebenfalls niemals zustimmen.“

Ihr Herz raste sofort los, als hätte sie aus dem Stand einen Hundertmeterlauf begonnen.

„Und warum haben Sie uns damals, als es noch möglich war, nicht …“ Sie atmete aus, atmete ein. „Na gut, dann werde ich vorgehen, wie wir es mit Ihnen besprochen haben, Artur Iwanowitsch.“

„Lassen Sie mich erst zu Ende sprechen, ja? Wie ich schon erklärt habe, werden wir nicht gegen das Gesetz verstoßen, um Ihren … Ihren Wunsch zu erfüllen. Lasarenko steht derzeit unter Sedierung, mit Midazolam und Fentanyl, angesichts der Operation an der Wirbelsäule, um die Belastung des zentralen Nervensystems zu verringern. Wir können ihm für beide Medikamente Gegenmittel verabreichen, dann kommt er für eine Weile zu sich, und Sie können in dieser Zeit gemäß den gesetzlichen Vorschriften die Ehe mit ihm schließen. Wäre diese Möglichkeit für Sie akzeptabel?“

„Ja! Natürlich, ja … Danke, Artur Iwanowitsch!“

„Dann schicken Sie mir einen Scan Ihres Passes, ich leite ihn an die Standesbeamten weiter, damit sie die Unterlagen vorbereiten … Ich muss Sie aber vor zwei Dingen warnen. Erstens wirken diese Medikamente vor allem stark schmerzlindernd; wenn Lasarenko also zu sich kommt, wird er Schmerzen haben. Zweitens holen wir ihn aus der Sedierung, bevor es für eine ordnungsgemäße postoperative Genesung empfohlen wird. Das ist insbesondere für den Blutdruck nicht gut. Unter normalen Umständen hätten wir Ihnen abgesagt, Uljana Konstantinowna, aber das hier ist eine ungewöhnliche Situation … Wie wir beide wissen. Also … Kurz gesagt: auf Ihre persönliche Verantwortung.“

Uljana wischte sich die Stirn ab. Die Schwüle kam wieder. Der gestrige Wolkenbruch hatte Moskau nicht geholfen, durchzuatmen.

„Kann ich Sie in fünf Minuten zurückrufen und Bescheid sagen?“

„Fünf Minuten, gut. Solange haben die Standesbeamten noch einen freien Termin. Danach müssen Sie sich mit all Ihren Vorwürfen an sich selbst wenden. Wir haben getan, was wir konnten.“

Er legte auf. Die Zeit lief.

Sie hätte jetzt einfach durch die Eingangskontrolle huschen, in einen Bus springen, bis zur nächsten Metrostation fahren, von dort bis zur Komsomolskaja und aus der Unterwelt auf den Platz der drei Bahnhöfe auftauchen können, am Bahnhofsschalter eine Fahrkarte für den nächsten Zug kaufen und für immer aus ihrem Moskau verschwinden, als wäre ihr all das nie passiert. Artur Iwanowitsch hatte ihr doch eine Lösung angeboten: Nehmen Sie sie, wenn Sie wollen, wenn nicht, ist es uns auch recht.

Uljana spielte mit dem Handy herum und tippte gedankenlos auf irgendwelche Symbole. Dann tat sie Folgendes: Sie rief Tatjana Nikolajewna an. Das Telefon dudelte eine Weile, und schließlich ging sie doch ran.

„Warum rufst du mich an, du verdammtes Miststück?“

„Wie läuft’s bei Ihnen, Tatjan Nikolajewna, sind Sie unterwegs?“

„Das geht dich einen Scheißdreck an, ob ich unterwegs bin oder nicht!“

Uljana schwieg und lauschte. Es war, als könnte sie das Rattern der Zugräder hören.

„Uljanka!“

„Ja, Tatjan Nikolajewna?“

„Wag es ja nicht, klar? Hast du denn überhaupt kein Gewissen?“

„Er ist gerade bewusstlos, Tatjan Nikolajewna“, sagte Uljana ruhig. „Bewusstlose trauen sie sowieso nicht.“

„Wehe, du legst ihn rein“, sagte sie atemlos. „Ich verfluche dich. Das merk dir.“

„Na gut, merk ich mir“, versprach Uljana.

Das war ein gutes Gespräch gewesen. Sie hatte nicht einmal Lust bekommen, sie anzuschreien. Die Schwachen schnauben und kreischen. Unsere Tanja weint laut, hat ihr Bällchen in den Fluss fallen lassen. Nur zu, verfluch mich, Tanjusch. Du bist hier bei mir wie auf der Handfläche. Schlampe.

Ihre Hände fingen wieder an zu vibrieren, Strom schoss durch sie. Und ihre Beine waren auf einmal federnd. Uljana erinnerte sich daran, warum sie hier war und wozu. Jetzt musste sie nur noch ihre Mutter um Rat fragen, sich mit ihr abstimmen.

Sie rief an, aber ihre Mutter ging nicht ran. War sie beleidigt, oder was? Dabei müsste doch wohl eher sie selbst beleidigt sein!

Na gut. War jetzt auch egal.

So oder so war alles schon entschieden.

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