KI-generierte Übersetzung · Russisches Original

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Dmitri Gluchowski · Registrierung

3.

Na also: Sie saßen auf den Stufen am grünen Fluss und schlürften Bier, versteckten es vor den faulen Bullen. Uljanka hatte überlegt, sich ein alkoholfreies zu nehmen, dann aber doch eins mit Alkohol genommen — von einem Bier würde ihm da drin schon nichts passieren. Dazu knabberten sie Cracker, die wie Hundefutter schmeckten.

Neben ihnen war eine graue, niedrige Brücke, gleich daneben die stolze Erste elektrische Laterne von Wologda, ein Denkmal für sich selbst, und ringsum trieben sich geschäftige Tauben herum, in der Hoffnung auf ihren Anteil an den Kirieschki. Der Fluss fuhr wie ein Förderband der Zeit dahin, und du konntest verdammt noch mal nicht zweimal in ihn steigen. Was getan ist, ist getan.

— Wir springen nicht rein, beschloss Kristinka für sie beide.

— War es denn so schwer für dich? sagte Uljana schließlich doch zu ihr.

— Ach, igitt! Der ist doch echt widerlich! Sorry. Hättest du das denn selbst gekonnt?

— Widerlich, erinnerte sich Uljana. — Echt. Na ja, was soll’s.

— Was machst du jetzt?

— Keine verdammte Ahnung.

Sie trank ihr Bier aus, ging zum Kiosk und holte noch zwei Flaschen. Sie öffnete sie am Bordstein und reichte Kristinka ihren Anteil. Nahm einen großen Schluck und verschluckte sich. Kris lachte, prustete Bier heraus, und Uljanka lachte auch. Sie saßen einfach da und lachten wie zwei Hysterische.

— Der bescheuerte Brillenschisser, sagte Uljana über Anatoli Sergejewitsch.

— Soll er doch zur Hölle fahren! stimmte Kristinka zu.

— In der Tat.

Sie nahmen noch einen Schluck.

— Verdammt, wenn es doch so ein Leben gäbe, in dem einen keiner feuern könnte! seufzte Uljana. — Ich bin so was von fertig, mein Gott.

— Gibt’s so was überhaupt?

— Eben, man muss seine eigene Herrin sein und sich nicht für irgendeinen Typen krummbuckeln. Sonst vergeudest du dein ganzes Leben so, wie Scheiße im Eisloch treibt.

— Nimmst du mich bei dir auf, wenn du deine eigene Herrin bist? lächelte Kris.

— Natürlich nehme ich dich. Wenn ich nur wüsste, wohin.

Sie küssten sich ab. Dumm, aber für eine Minute fühlte sie sich leichter. Kris nahm Uljanas Finger in die Hand und streichelte sie. Die Wolken teilten sich, ein Sonnenstrahl fiel auf die Erde. Uljana warf den Tauben Kirieschki hin, und sie gurrten vor Glück. Es fühlte sich an, als könnte man irgendwie doch noch weiterexistieren.

— Aber falls du als Erste irgendeine Chance auftust … wegen Arbeit … Sag mir dann auch Bescheid, bat Uljana.

— Oki-doki.

Sie umarmten sich noch einmal. Das Bier war alle, es wurde Zeit, sich zu verabschieden.

— Na, das war’s.

— Na gut dann, was soll’s.

— Ja.

Sie schlurfte nach Hause — und losgelöst von Kris, die sie wie ein Heliumballon nach oben gezogen hatte, drückte die verdammte Schwerkraft Uljanka wieder auf die Erde. Und das Bier verflog auf der Stelle, das Miststück.

Sie war allein. Im ganzen Kosmos war sie allein geblieben.

Die Herrin wovon, verdammt? Von nichts. Träum weiter, du Idiotin.

Und deshalb wurde sie vom Zug erfasst. Sie war verreckt, und selbst schuld. Hatte sie gewusst, dass es so kommen würde? Ja. Warum hast du diesen Mann rausgeworfen? Worauf hast du gehofft? Auf Glück? Auf Gerechtigkeit? Es gibt weder Glück noch Gerechtigkeit auf der Welt, du blöde Schlampe. Macht gibt es, ja, die gibt es. Und die Schwachen werden gefressen. Wann wirst du endlich erwachsen, wann lernst du nachzudenken?

Unterwegs blieb sie stehen, setzte sich auf eine Bank und machte das Handy auf.

Irgendwie drehte sich alles, und die Welt zerfiel in zusammenhanglose Teile. Die niedrigen Häuser, die grünen Büsche, die staubigen Straßen, die verlorenen Menschen, der leere Himmel — alles hatte sich in Unsinn verwandelt, in die Scherben einer zerbrochenen Tasse. Hinter den Splittern, die in die Kehrschaufel gefegt worden waren, war das frühere Ganze nicht mehr zu sehen. Wozu war das alles überhaupt gut gewesen? Einfach in den Müll damit — und vergessen.

Sie suchte: „Wie macht man eine Abtreibung in Wologda“.

Es gab viele Angebote: „Schwangerschaftsabbruch ab 3700 Rubel, Vakuum-Miniabtreibung, medikamentös 4500 Rubel, chirurgisch 4000 Rubel, an einem Tag, ohne Krankenhausaufenthalt“. Sie las es durch, und ihr wurde noch schlechter. Für so eine Leistung war das alles billig, bequem und schnell. Viel zu billig dafür, die erste Schwangerschaft zu beenden, viel zu einfach. Von Uljanas Gehalt konnte man das locker fünfzehnmal im Monat machen. Man konnte einfach heute noch hingehen — und schnipp!

Na und? Das Innere mit Chlor ausspülen. Es machen, vergessen, ganz von vorn anfangen. Die Wohnung aufgeben, zu Mama zurück, drei Tage weinen, na gut, drei Wochen, na gut, drei Monate. Und dann — bei null anfangen. Einen neuen Job finden, eine neue Wohnung finden, anfangen, die Welt Stück für Stück wieder zusammenzusetzen.

Vakuum-Miniabtreibung. Jemandes Hände in stinkenden Gummihandschuhen packten ihr die Kehle. Mini. Vakuum. Und was war die Alternative? Mit dickem Bauch herumrennen und suchen, wer sie einstellen würde, Anzeigen durchtelefonieren? Verkäuferin am Kiosk, dreißigtausend? Erzieherin im Kindergarten? Zweiunddreißigfünfhundert. Vielleicht gleich auf den Strich?

Nein. Es gab niemanden, für den sie es behalten konnte. Niemanden.

Wenn Sascha da wäre, könnte sie ihn um Rat fragen. Nur würde er sich wahrscheinlich vor dem Erwachsenwerden fürchten und selbst darum bitten, das Kind wegmachen zu lassen. Obwohl, vielleicht würde er es ihr auch verbieten — wer weiß, was der Krieg mit den Männern macht. Aber wo war dieser Sascha?

Sie rief ihn an. Vorübergehend nicht erreichbar.

Sie verschlang eine Tafel Schokolade, brach sie in Stücke und aß alle Stückchen eins nach dem anderen auf.

Gut, dass sie ihrer Mutter gestern nichts gesagt hatte. So würde es leichter sein, so zu tun, als wäre gar nichts gewesen. Keine Fantasien, keine Sorgen, kein „was wäre, wenn“. Eine solche Zukunft gab es für sie nicht und hatte es nie gegeben, sie hatte sie sich nur eingebildet.

Kristinka hatte Glück: Für sie war Weinen so leicht wie Pinkeln. Mit den Tränen kam der ganze Dreck irgendwie sofort aus ihrem Körper. Heulen war, als würde man ein aufgehängtes Handy zwangsweise neu starten: zack — schwarzer Bildschirm — und ein neues Leben, alles funktioniert, weiter geht’s. Uljana konnte nicht weinen, und der Nebel in ihr staute sich an; sie hatte keine Schleuse, durch die sie alles auf einmal hätte ablassen können. Sie saß da und biss sich von innen die Lippen blutig. Sie mochte den Geschmack von Rost und mochte das Brennen.

• • •

Der rostige Neuner bog vom Asphalt ab und hüpfte mit ächzenden Stoßdämpfern über die Schlaglöcher; bis zum Haus von Mutti führte kein Asphalt, also mussten sie noch durch den Matsch kurven. Immerhin war der Sommer heiß gewesen, alles war getrocknet, aber im Herbst … Nur Elend.

— Den ukrainischen Verbänden fehlt es an motivierten Soldaten, davon berichten jene, die in die Gefangenschaft unserer Truppen geraten sind, und es werden immer mehr, las das Radio mit Nachdruck vor. — Ihren Aussagen zufolge sorgt das brutale Vorgehen des TCK, die sogenannte „Busifizierung“, wenn auf den Straßen Kiews Jagd auf Männer gemacht wird, ohne Rücksicht auf ihr Alter, in der Ukraine für immer größeren Unmut. Unter denen, die auf diese Weise „busifiziert“ und ohne Kampfausbildung sofort an die Front geworfen werden, um sie in Fleischstürme zu schicken, geht die Überlebensrate gegen null. Deshalb versuchen praktisch alle zu desertieren. Manche haben Glück und landen lebend in der Gefangenschaft unserer Kämpfer.

Witalja klammerte sich mit beiden Händen ans Lenkrad, Tatjana drückte die Tüte mit den Mitbringseln an die Brust. Ihre Mutter fuhr selten aus dem Dorf hinaus, und in Bushuicha selbst gab es nur einen Kiosk mit Brot und Wodka; auch im Lebensmittelgeschäft des Dorfs Choroschewskoje war die Auswahl dürftig.

Die Kinder hatten sie in der Stadt gelassen, die Ältere passte auf den Jüngeren auf. Früher konnte man sie den ganzen Sommer zu Oma abschieben, sie kamen kaum aus dem Tümpel heraus, aber inzwischen waren sie nicht mehr hinzuschleifen. Sie waren erwachsen geworden.

Saschka wäre jetzt mit ihnen gefahren. Saschka hatte seine Oma geliebt, sie hatte ihn großgezogen und durchgebracht, während Tatjana und Witalja jeder auf seiner Arbeit von der Sirene bis zur Sirene schufteten — Witalja im Reparaturwerk, Tatjana in der Geflügelfarm.

Bushuicha lag verstreut auf beiden Seiten des Flüsschens Lescha, das sumpfig und von Schilf überwuchert war. Für die Mücken war es hier ein Paradies, die Einheimischen spürten sie schon gar nicht mehr: Sie fressen, na und, sollen sie doch. Tatjana schwoll aber jedes Mal an und es juckte sie, deswegen mochte sie Bushuicha nicht. Deshalb und wegen vieler anderer Dinge.

Bushuicha, wenn man auch Zimnjak und Gora dazuzählte, bestand aus etwa zweihundert Häusern. Hier lebten auch Datschenbesitzer aus Wologda — eine Stunde über die Landstraße — und Einheimische, Dorfbewohner. In Zimnjak standen schon eher Landhäuser, oder wenigstens waren die Häuser gestrichen; auf Gora dagegen, wo Mutters Haus stand, waren die Blockhäuser mit Brettern verkleidet und vom Alter ganz schwarz.

Die Häuser standen auf kahlen Flecken zwischen den Aufforstungen, hinter den Wäldchen begannen die Felder, hinter den Feldern wieder Wälder, und alles war bis zum Horizont flach, als hätte der Herrgott dieses Land mit dem Bulldozer planiert. Er hatte wohl vorgehabt, hier etwas zu bauen, sich dann aber von etwas Interessanterem ablenken lassen, und währenddessen war alles von selbst mit allerlei Schimmel überwuchert.

Sie kamen am Haus an, Witalja zog die Handbremse an, und Tatjana ächzte beim Aussteigen. Alma sah sie gleichgültig an und klopfte nur ganz leicht mit dem Schwanz. Die Tür stand einen Spalt offen, Tatjana trat gleich in den Vorraum: Es roch nach Feuchtigkeit und Propan, ewiges Halbdunkel herrschte. Die Stufen zum Wohnhaus waren schief geworden und stöhnten. Auf der Stufe zur Dachbodentreppe lagen auf einer Zeitung Täublinge zum Trocknen. In der Ecke wartete eine gespannte Mausefalle. Alles wie vor hundert Jahren, als Tatjana noch ein Mädchen gewesen war.

Sie zog die zweite Tür auf, die ins Haus führte. Niedrige Decke, der Geruch von Kohlsuppe und Weihrauch, Knoblauch und Alter. An den Fenstern selbstgemachte Spitzen. An der Wand ein Teppich und ein Kalender aus dem Jahr siebenundachtzig. Von ihrem Vater hatte die Mutter den Tick behalten, auszurechnen, welche Jahre mit welchen nach Datum und Wochentagen übereinstimmten, damit sie statt neuer Kalender alte aufhängen konnte. Im Jahr siebenundachtzig lebte Vater noch und sah aus wie auf dem Foto hier, und Tanja war gerade einmal zwanzig, sie hatte noch mit einem ganz anderen Schicksal gerechnet, gedacht, sie würde heiraten und Bushuicha hinter sich lassen. Aber Bushuicha hatte sie nicht weit von sich fortgelassen.

— Mama!

Sie war nicht hier. Die Fliegen summten verzweifelt gegen die Scheibe, wollten hinaus, und unten war die Fensterbank übersät mit den vertrockneten Leichen derer, die vor ihnen versucht hatten, durch die durchsichtige Wand zu kommen, ohne mit ihren Fliegenhirnen zu begreifen, dass es eine Wand war. Der unverwüstliche sowjetische Kühlschrank brummte und klapperte. Draußen quietschte die Schraube des rotsternigen Wetterflugzeugs, das ihr Vater einst zusammengezimmert hatte und das auf einer schiefen Stange saß, und Witalja räusperte sich, nachdem er an seiner Papirossa gezogen hatte.

— Ist sie vielleicht im Garten … Mama!

Dieses vertraute Gefühl: Ist sie womöglich tot? So ein seltsames Gefühl, irgendwo zwischen Sorge, Erleichterung und Scham über die Erleichterung, alles auf einmal, in einem Augenblick.

Sie umrundete das Haus und ging in den Garten — nein, sie war nicht tot. Da saß sie auf der Bank, mit dem Rücken an den Schuppen gelehnt, und wärmte sich in der Sonne.

— Mama! Bist du taub geworden, oder was? Ich rufe und rufe …

— Ach. Hallo, Tanja. Vielleicht bin ich tatsächlich taub geworden.

— Ich hab mir schon wer weiß was ausgemalt, gab Tatjana verärgert zu.

— Verzeih. Und ich hatte ganz vergessen, dass ihr kommt.

— Wir haben dir da Lebensmittel mitgebracht.

— Was?

— Lebensmittel! Da Kartoffeln, Fleisch, Getreide. Tomaten!

— Wozu denn? Die Mutter winkte mit der runzligen, sonnengebräunten Hand ab. — Ich hab das Alte noch nicht aufgegessen, es reicht doch, wenn ihr schon Geld für mich ausgebt!

— Aber warum isst du denn nichts? sagte Tatjana missmutig zu ihr. — Du musst doch essen!

— Weiß nicht, lächelte ihre Mutter sie zahnlos an. — Hab keinen Appetit.

Tatjana stand mit den Händen in den Hüften über ihr. Der verwilderte Garten — hier war früher Kohl gewachsen, dort Kartoffeln — war jetzt ganz von Unkraut überwuchert, von Klee, Seggen, sogar die Beete waren eingeebnet. Wie schnell alles ging, wenn kein Mensch sich darum kümmerte … Nur bis zum schiefen Brunnen war ein Pfad getreten. Das Gras bewegte sich, das weiße Haar bewegte sich, Krähen krächzten. Die Mutter hatte die Augen geschlossen und war in Gedanken versunken, als hätte sie vergessen, dass Besuch da war.

— So viel gebt ihr aus, Tanja. Gurken kaufen, Kartoffeln kaufen, Tomaten kaufen. Dabei ist doch der Garten da … Sie öffnete wieder die Augen. — Hättet ihr was gepflanzt, hättet ihr euer eigenes Zeug. Warum kaufen? Nein, kaufen müssen sie. Und den Garten haben sie verwildern lassen.

— Wozu ein Garten, wenn man alles kaufen kann? erklärte Tatjana ihr, als wäre sie ein kleines, dummes Kind.

Die Mutter seufzte und sah sie durch zusammengekniffene Augen an. Tatjana setzte sich endlich neben sie auf die Bank. Die Mutter rückte zur Seite, um Platz zu machen. Sie zeigte auf die Frühbeete, in denen jetzt Löwenzahn und Disteln wuchsen und deren trübe Folie völlig zerrissen war:

— Siehst du, was aus dem Boden geworden ist. Ich schaff’s allein nicht. Wenn ich’s schaffen würde, wäre hier alles in Ordnung. Ist das etwa normal? Unkraut und Gestrüpp. Bärenklau! Wie traurig. Ihr seid faul geworden.

Auf so etwas war Tatjana ganz und gar nicht vorbereitet gewesen.

— Mama! Mein ganzes Leben hab ich mich auf diesem beschissenen Garten krumm gemacht! Kann ich das wenigstens jetzt mal lassen?! Und du hast dir hier den grünen Star geholt, und Vater ist hier, na ja, gestorben! Können wir wenigstens ein bisschen anständig leben?!

— Na ja, Vater … Männer sind eben zerbrechlich, kaute die Mutter mit leerem Mund und schmatzte. — Aber ihr seid ganz schön reich geworden.

Die Tochter drehte ihr die Schultern zu, den ganzen Oberkörper — den Kopf allein konnte sie nicht gut drehen.

— So ist es dir nicht recht, und so auch wieder nicht!

Die Mutter nickte. Eine Hummel flog vorbei, wie eine kleine Drohne. Jenseits des Flusses bellten Hunde und verfielen in Heulen. Eine dreifarbige Katze lief an der Grenze zwischen Mutters und dem Nachbargrundstück entlang.

— Gibt’s was Neues von Sanetschka?

— Sie sagen nichts, antwortete Tatjana.

— Da, weißt du noch, wo früher der Kohl wuchs? Die Mutter zeigte auf die unsichtbaren Beete.

— Ich weiß doch alles noch! Der ist hier mein ganzes Leben lang gewachsen!

— Also. Als er ungefähr drei Jahre alt war, der Sanetschka, gingen wir mit ihm den Kohl von diesen Schnecken absammeln. Zum ersten Mal half er Opa und mir. Man musste sie in ein Glas mit Benzin tun. Da fragte er: Opa, mögen die Benzin? Das stinkt doch. Und dein Vater antwortete ihm: Nein, die sterben darin. Da hörte er auf, sie ins Glas zu tun, stopfte sie sich in die Taschen und ging dann hinter den Zaun und ließ sie im Graben frei … Sie seufzte. — Und was ist aus dem Jungen geworden?

— Ein Mann, presste Tatjana die Lippen zusammen.

Die Mutter schüttelte nachdenklich den Kopf und sah ins Gestrüpp.

— Als sie ihn bei der Miliz verprügelt haben, da hat er sich verändert.

Tatjana wurde finster.

— Na und? Sein Vater hat doch bestimmt gedient! Mein Witalja hat auch gedient. Ist er ein Mann oder nicht? Die Armee, Mama!

— Ach, geh mir weg! Sie winkte sie fort. — Siehst du denn keinen Unterschied?

Witalja kam, vom Klang seines Namens angelockt, mit einem leeren Emailleeimer zu ihnen herüber: Wenn sie schon da waren, musste Wasser geholt werden. In seiner blauen Satinhose kratzte er sich am Hintern.

— Grüß dich, Mama!

Er kämpfte sich durch das hohe Gras zu einem krummen Apfelbaum und betrachtete mit alberner Traurigkeit die Verwahrlosung. Dort angekommen, pflückte er einen blassen Apfel, biss hinein, verzog das Gesicht und kniff die Augen zu, kaute aber weiter. Dann ging er tiefer ins Gestrüpp zu den früheren Himbeersträuchern.

— Schade um die Himbeeren … murmelte er von dort.

— Was brabbelst du da? Tatjana tat, als hätte sie es nicht verstanden.

— Schade um die Himbeeren!

Die Mutter hörte es, nickte, lächelte und wurde ebenfalls traurig. Die haben sich ja gesucht und gefunden, dachte Tatjana wütend.

— Ach, geh mir weg, ihm tun die Himbeeren leid! Dreißig Jahre lang hast du von denen nicht genug bekommen! Die Himbeeren tun ihm leid, aber ich nicht! Fünf Leute auf anderthalb Zimmern waren dir nicht genug? Im Winter zum Scheißhaus in den Schuppen gehen! War dir das nicht genug? Und jetzt geht das wieder los, die eine und der hier! Sie hängen an diesem verdammten Garten! Ich hasse ihn, versteht ihr, oder nicht? Ich hasse ihn! Wir haben uns unser ganzes Leben darauf krumm gemacht, mal Kohl, mal Kartoffeln, mal jäten, mal Kartoffelkäfer, mal diese verdammten Schnecken, die Frühbeete jeden Tag auf und zu, Wasser schleppen — wie lange denn noch! Soll das eurer Meinung nach ein Leben sein? Nein, natürlich nicht, aber sie jammern und jammern! Du lebst zum ersten Mal ein anständiges Leben, die Kinder haben jedes ein eigenes Zimmer, in der Stadt, im Winter gibt’s Heizung, das Geld reicht für alles, endlich haben wir von unserem eigenen Staat was bekommen! Und er hängt immer noch an seinen Himbeeren, die voller Würmer sind! Pah!

Während sie schnaubte, pflückte Witalja trotzdem die Sträucher ein bisschen ab und stopfte sich die Beeren in den Mund. Dann schlurfte er zum Brunnen. Er packte die Kurbel, wickelte die Kette ab und ließ den Eimer hinunter; irgendwo tief unten machte es dumpf platsch. Im Sommer sank der Wasserspiegel tief, jetzt würde er nur Dreck heraufholen. Auch Mutters Brunnen musste gereinigt werden, sie bat schon lange darum, aber Tatjana war todfaul, sich darum zu kümmern. Die Kurbel knarrte, und mit klirrenden Kettengliedern zog er den vollen Eimer hoch.

— Musste das alles denn sein? Ihr hättet doch weiter nach und nach von eurem eigenen Zeug leben können. Aber wenigstens war es unseres, unseres, sagte die Mutter leise. — Und so hast du meinen Sanetschka dafür hergegeben.

Tatjana sprang auf, als hätte sie ein Insekt gestochen.

— Los, fahren wir! brüllte sie Witalja an, der schon vor diesem Schrei den Kopf zwischen die Schultern gezogen hatte, schon als Oma ihre giftigen Worte ausgestoßen hatte und er wusste, dass der Tag gelaufen war.

Ohne sich zu verabschieden und ohne zu warten, bis ihr Mann Wasser geholt hatte, stürzte Tatjana hinaus zum Auto. Erst als sie schon um die Ecke bog, rief sie ihrer Mutter noch zu, ohne zu wissen, was sie sich sonst noch ausdenken sollte, um ihr eins auszuwischen:

— Undankbare!

Die Mutter widersprach nicht. Sie wandte sich ab.

• • •

Noch ein paar Tage saß Uljana einfach zu Hause, lag im Bett, schleppte sich höchstens bis in die Küche und aufs Klo, fraß Chips, fraß Schokolade, fraß Wurst mit den Händen, wusch sich nicht, scrollte durch Reels, scrollte, scrollte, scrollte durch Reels: Ausschnitte aus „Comedy“, Beichten von Bloggerinnen, Zusammenstellungen von Unfällen, süße Kätzchen, süße Hundewelpen, Kinder, die irgendeinen süßen Scheiß erzählten, Tanz-Challenges, Lip-Sync-Challenges, die ganze Wahrheit über Covid, die ganze Wahrheit über die SVO, die ganze Wahrheit über Putin, die ganze Wahrheit über Außerirdische, noch mehr Kätzchen, wieder Hündchen, Giraffen, die ganze Wahrheit über Pädophile, Horoskope, Kochen — ein endloser Müllstrom, der sie erst belustigte, dann ablenkte und ihr schließlich schon den Kopf verdrehte, der sie aber nicht losließ; ihr wurde übel, und sie hatte nicht die Kraft aufzuhören, sie konnte nur wegpennen und am Morgen weitermachen. Und sie hatte auch nicht die Kraft aufzustehen, in die Klinik zu fahren und endlich eine Vakuum-Miniabtreibung machen zu lassen, damit da drin Leere war, also wuchs es unterdessen weiter, drückte, forderte, und Uljana stopfte es mit Schokolade voll, besänftigte es mit Chips und fütterte es mit Wurst.

Kris rief an — sie drückte sie weg. Mit Mama wechselte sie ein paar Worte. Für niemanden hatte sie Kraft. Alle Kraft war damals draufgegangen: als sie das Licht ausknipste. Sie hatte es für sich selbst ausgeknipst, wie sich herausstellte.

Dann piepte es noch einmal.

Und Uljana ging aus irgendeinem Grund sofort ran, obwohl die Nummer unbekannt war und es Betrüger sein konnten. Einfach ein Ruck — rangehen!

— Hallo … Ul … Ulka …

Es war nicht seine Stimme, sondern die von irgendeinem Fremden … Als würde er sie aus dem Jenseits über einen Kupferdraht anrufen, und alles Lebendige wäre seiner Stimme unterwegs vertrocknet; übrig war nur noch ein Rascheln, ein Scharren. Aber es war eindeutig seine Stimme, Uljana erkannte sie sofort. Vor Überraschung bekam sie keine Luft und antwortete ebenfalls gepresst:

— Sascha?

— Ulka … Hallo … Ich bin’s … Hör zu … Ich hab mich erinnert … An die Nummer erinnert … Ich bin’s … Die haben mir … erlaubt anzurufen … Ich hab einfach meine eigene … verschlampt …

— Sascha, wie geht’s dir?! Wo bist du?!

Sie sprang auf ihre wattigen Beine, die das Leben nicht mehr gewohnt waren, und rannte in ihrem Käfig umher. Ihr Herz ratterte, der Puls bei zweihundert, die Eingeweide vor Entsetzen verkrampft — ihr Schicksal wendete sich, es wurde neu entschieden, und Sascha, Sascha war am Leben, und sie hatte ihn schon begraben, verdammt, wie oft hatte sie ihn begraben, und sein Kind hatte sie, ohne zu fragen, ausgeschabt, dabei war er jetzt hier, und das Kind lebte, und alles ließ sich noch rückgängig machen!

— Ich … Ich bin hier … Ich glaube, in Moskau.

— Was machst du da? Mein Gott, Sascha, ich dachte … Ich hatte solche Angst … Ist alles in Ordnung mit dir?

— Mit mir? … Mir geht’s gut. Ich … Ich bin hier verwundet worden, na ja … Ich bin in Moskau. Im Krankenhaus.

— Warum hast du nicht angerufen? Warum hast du nicht geschrieben? Weißt du, wie wir uns hier Sorgen machen!

— Ach ja? hauchte er verwirrt. — Ich bin doch gerade erst aufgewacht. Ich hab geschlafen.

— Na, Gott sei Dank! Gott sei Dank!

— Uljana … Kommst du zu mir? Ich hab dich vermisst …

— Ich komme! Ich komme! Wohin muss ich?

— Also. Ja … Ich geb den Hörer hier weiter … einem Freund. Ulj … Er sagt dir Bescheid. Das ist sein Telefon. Ich muss mich einfach ausruhen. Okay?

— Sascha! Und du …

Doch schon war der Hörer bei einem anderen, und der sagte Uljana, dass Sascha im Moskauer Umland lag, im Wischnewski-Krankenhaus, in einer Außenstelle. Auch dieser Mann war seltsam, wie Sascha, aber gefasster, selbstsicherer. Uljana rannte durch die Wohnung, suchte einen Stift zum Aufschreiben, flehte ihn an, nicht aufzulegen, fand schließlich einen Bleistift und kritzelte die Adresse und die Station hin. Bevor er auflegte, flüsterte der Mann Uljana noch zu, dass Saschka schwer verletzt sei und wenn sie komme, dann solle sie sich beeilen und es nicht aufschieben.

Danach wurde es still.

Eine halbe Stunde stand Uljana unter der Dusche. Sie sprang heraus und wollte als Erstes überprüfen, ob das überhaupt passiert war. Sie hatte es sich nicht eingebildet, es war wirklich geschehen.

Dann rief sie ihre Mutter an. Sie schüttete ihr alles auf einmal aus, brachte die Dinge durcheinander, redete wirres Zeug, stockte und erzählte sich dabei selbst zum ersten Mal laut ihre Geschichte — nicht in Bruchstücken, nicht in Bildern, sondern in verständlichen Worten. Erst von Sascha, dann von der Kündigung, am Ende von der Schwangerschaft, dann wieder von Sascha und wieder von der Schwangerschaft.

Mama stöhnte nur und bemitleidete sie. Sie versuchte, dazwischenzukommen, aber Uljana musste das alles erst einmal einfach von der Seele reden, denn ausweinen konnte sie es ja nicht! Die Ohren waren ihr richtig zugegangen, wie einem Auerhahn auf dem Balzplatz, sie hörte nur noch sich selbst. Und erst als sie merkte, dass sie schon zweimal alles wiederholt hatte und gerade zur dritten Runde ansetzte, hielt sie inne, um Luft zu holen.

— Was für ein Glück, Uljasch … Was für ein Glück! — sagte Mama.

— Glück? — wiederholte Uljana mechanisch Silbe für Silbe nach ihrer Mutter.

Es fühlte sich eher an wie eine Scheißkatastrophe. Wie tausend Volt. Wie ein Eisloch am Dreikönigstag. Wie das Einheitliche Staatsexamen, bei dem man sich aufhängen kann, wenn man durchfällt.

— Sie sagen, es steht schlimm um ihn.

— Aber er lebt doch! — widersprach Mama.

— Was heißt „schlimm“? Sie haben gesagt, ich soll mich beeilen.

— Na ja … Wer weiß. Sie haben ja nicht gesagt: „Er liegt im Sterben.“

— Was soll ich denn tun, Mama? — fragte Uljana hilflos.

Jetzt wollte sie nicht selbst entscheiden. Sie hatte sich mit all dem schon viel zu lange allein herumgeschlagen. Sie musste einen älteren, erfahreneren Menschen hören.

— Na, was wohl? Du musst hinfahren, Uljasch.

— Ich hab Angst, — gestand sie.

— Und was willst du sonst machen? Nicht hinfahren? Du trägst doch sein Kind. Du bist schwanger. Da muss man vor nichts Angst haben. Das ist christlich. Du musst hin.

— Und wenn er stirbt, Mama?

— Jetzt stirbt er doch nicht gleich! Er wird nicht sterben. Du musst ihn sehen, musst den Jungen unterstützen. Na? Soll ich mit dir fahren?

— Nein, danke.

— Sag ihm, dass du schwanger bist. Du wirst sehen, wie sehr er dann auf einmal leben will.

Beide schwiegen. Es war seltsam, am Telefon zu schweigen. Ein totes Rauschen begann ihre Stille auszufüllen, staute sich an, man musste es schnell auflösen. Vielleicht dachten beide dasselbe, aber zum Glück sagte die Mutter es zuerst:

— Ihr solltet euch registrieren lassen, das ist es.

— Wie meinst du das?

— Genau so, wie ich’s sage. Eure Beziehung registrieren lassen. Heiraten. Verstehst du nicht?

— Ich weiß nicht.

Uljana verstand natürlich alles. Aber es fiel ihr schwer, es auszusprechen. Da half Mama ihr wieder.

— Was ist denn dabei? Du musst sein Kind großziehen. Und dafür stehen dir vom Staat Leistungen zu, nebenbei bemerkt. Zahlungen. Für die Familien von Teilnehmern der militärischen Sonderoperation. Und falls ihm etwas zustößt …

— Eben hast du noch gesagt, dass mit ihm alles gut wird! — protestierte Uljana.

— Hör mal … Bist du erwachsen oder nicht? Gott gebe, dass alles gut wird. Und wenn nicht? Wie willst du das Kind erziehen, wie willst du es großziehen?

— Ich will darüber nicht nachdenken, Ma!

— Aber du musst darüber nachdenken! Über alles musst du nachdenken, in deiner Lage — Mamas Stimme wurde fester, offenbar hatte sie als Mutter schon drei mögliche Verläufe von Uljanas Schicksal im Voraus durchgespielt, alles durchgerechnet und ein Urteil gefällt. — Wer bist du jetzt für ihn?

— Niemand.

— Eben.

Sie lauschten noch eine Weile dem Schweigen in der Leitung. Uljana seufzte.

— Das ist irgendwie, weißt du, trotzdem … Wegen so was hinzufahren … Irgendwie schrecklich.

— Du fährst nicht deswegen hin. Nicht deinetwegen.

— Na ja.

— Was ist denn dabei, Uljasch? Es steht dir zu! Dein Freund ist Teilnehmer. Du bist praktisch seine Verlobte. Es steht dir doch zu, oder?

— Mama …

— Was heißt hier Mama. Sieh zu, solange der Bauch noch nicht gewachsen ist. Und außerdem wird seine Mutter es erfahren … Die wird man wohl bald benachrichtigen, falls noch nicht geschehen.

Als Uljana den Namen Tatjana Nikolajewna hörte, lief ihr das Innere voller Galle, und ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Sie kratzte sich mit den Nägeln die Haut auf. An Tatjana hatte sie überhaupt nicht gedacht, bis ihre Mutter sie erwähnt hatte. Plötzlich war ihr klar: Sie musste unbedingt hin, und zwar schnell, sonst würde sich dieses Türchen wieder zuschlagen, zuknallen und verschwinden; übrig bliebe nur eine Ziegelwand, und Uljana hätte nichts mehr, worüber sie entscheiden könnte.

— Aber wie soll ich denn hinfahren? Wo soll ich dort wohnen? Ich bin doch entlassen worden. Ich bin völlig pleite.

— Bei unseren Verwandten in Moskau kannst du wohnen. Bei Tante Marina.

— Wann hab ich die denn zuletzt gesehen, Mama? Vor zwanzig Jahren?

— Na und? Sie ist schließlich meine Schwester.

— Eine Cousine.

— Na und, eine Cousine. Ist doch egal, Blut ist Blut.

— Glaubst du, die lassen mich bei sich wohnen?

— Natürlich lassen sie dich. Ich ruf sie an. Sobald wir aufgelegt haben, ruf ich sie an.

— Danke, Mama.

Doch als ihre Mutter aufgelegt hatte, versiegten Uljanas Kräfte sofort wie Wasser im Sand. Sie tanzte an Fäden, schien lebendig, und sobald die Fäden losgelassen wurden, verwandelte sie sich in einen Lumpen. Sie krümmte sich auf der Matratze zusammen und wurde selbst zum Embryo. Hatte sie überhaupt das Recht, all das zu tun?

Nein, sie durfte nicht daran denken, dass Sascha sterben könnte. Sie durfte nicht ans Geld denken. Was hatte das Geld damit zu tun? Das Geld hatte damit nichts zu tun.

Nachts öffnete sie die Augen. Tastete nach dem Telefon. Zog es zu sich heran. Öffnete die Suchmaschine mit künstlicher Intelligenz, die Kris ihr installiert hatte. Rieb die Fingerkuppen aneinander. Überlegte, wie sie richtig fragen sollte. Ihre Schläfen pochten. Sie blickte zum Mond vor dem Fenster. Der Mond stand rund am Himmel, rot und böse. Wahrscheinlich hatte der Mond sie geweckt.

Sie begann, in die Suchzeile die Frage einzutippen: „Wie viel Sterbegeld steht den Witwen von Teilnehmern der militärischen Sonderoperation zu?“ Dann schämte sie sich für das Wort „Sterbegeld“, überlegte es sich noch rechtzeitig anders und schrieb einfach „Zahlungen“, bevor sie die Suche abschickte. So hatte sie sich vor der amerikanischen KI nicht verraten.

Die KI legte ihr sofort alles übersichtlich dar, besser als jedes Gosuslugi-Portal. „Präsidentenzahlung: 5.000.000 Rubel, wird zwischen Witwe und Eltern aufgeteilt; einmalige Entschädigung des Verteidigungsministeriums: 5.524.892 Rubel, wird zwischen Witwe und Eltern aufgeteilt; Versicherungsleistung von OOO ‚Sogaz‘: 3.400.000 Rubel, wird unter den Anspruchsberechtigten aufgeteilt.“ Wenn die Witwe kinderlos war, bekam sie ein Drittel; mit einem Kind die Hälfte des Gesamtbetrags. Nullen, Nullen, Nullen. Irgendeine Art von Auslöschung. Von den Nullen wurde ihr schwindlig, ihr wurde übel.

Bin ich wirklich so ein widerliches Stück Scheiße?, fragte Uljana sich.

Weiter unten kamen noch regionale Zahlungen, zwischen einer und fünf Millionen. Und noch irgendwelches Kleingeld dazu. 11.530 Rubel Witwenrente, wenn er im Dienst gefallen war. Und außerdem noch monatliche Zahlungen für die Witwe. Und weitere Vergünstigungen aller Art. Das war ja eine wahre Goldgrube. Einfach zugreifen.

Uljana stand auf und ging ins Bad. Sie stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich verwundert. Wer war sie? Sie verpasste sich eine Ohrfeige — entweder, um vor Schmerz aufzuwachen, oder um sich durch den Schmerz lebendig zu fühlen, oder um sich zu bestrafen. Aber es tat nicht weh.

Sie wollte einfach nicht mit mir teilen, sagte Uljana sich.

Tatjana Nikolajewna. Sie wollte einfach nicht mit mir teilen. Darum ging es. Die Zahlen hatte sie bestimmt schon früher studiert. Ich, das abergläubische Dummchen, hatte mich nicht getraut, nachzusehen. Aber sie ist ein hartes Biest. Deshalb lässt sie mich auch nicht in die Familie, und nicht etwa, weil ich da im Puff arbeite … Das sind alles Ausreden; sie hat mich einfach mit ihrem Gift bespritzt, um mich lahmzulegen.

Und hatte Uljana denn wirklich etwas verlangt, was ihr gar nicht zustand? Hatte sie etwa nach etwas gegriffen, das ihr nicht gehörte?

Nein. Sie wollte einfach nur Gerechtigkeit. Nur das, was ihr gesetzlich zustand.

Das, was ihr zustand. Ihren Anteil.

Den gleichen.

Sie erleichterte sich, wusch sich das Gesicht und kehrte zurück. Sie wälzte sich die ganze Nacht hin und her und schlief erst im Morgengrauen ein. Der rote Mond störte sie.

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