Dmitri Gluchowski · Registrierung
6.
Zurück fuhr sie mit denselben.
Sie sah schon nicht mehr, mit wem sie fuhr oder was an ihr vorbeizog. Und nur ein einziges Radio lief noch – direkt in Uljanas Kopf. In abgerissenen Fetzen kam von dort irgendetwas, als wäre der Empfang gestört, als würde jemand es übertönen.
Wie sollte man ein Leben lang mit einem Behinderten zu Hause klarkommen? Jetzt, unter den Medikamenten, war er glücklich, aber wenn ihm wirklich klar wurde, wer er jetzt war – was für ein Mensch würde er dann sein? Na gut, schön, es würde eine Rente geben, verhungern würde er nicht, aber er musste doch irgendetwas tun? Den ganzen Tag mit dem Rollstuhl durch die Wohnung fahren, fernsehen, im Hof mit den Alten Domino spielen: So einen Mann, oder was? Wenn er von seinen Spritzen runterkam, würde er bestimmt anfangen zu saufen; man müsste die eine Betäubung durch eine andere ersetzen. Für die Paralympics würde er sich ja wohl kaum vorbereiten? Also würde er sich volllaufen lassen. Und immer wütend sein; gutmütige Behinderte kannte Uljana nicht. Versuch du mal, dich ohne Beine vorzustellen, auf der Rundstrecke zwischen Kühlschrank und Fernseher – bei so einem Leben drehst du doch durch. Und wer wäre an alldem schuld? Wer gerade in der Nähe ist, der ist schuld, der kriegt es ab. Ein Zentnergewicht am Hals, und was das kostet, so zu leben! Ja, das ist Stabilität, aber so eine Stabilität wie im Knast. Und von einem Behinderten kann man sich etwa scheiden lassen? Ihn zu verlassen wäre eine Schande, und mit einem Kind würde man später auch nicht gerade reich. Na gut, Sascha war immerhin ein guter Kerl, er war gut, lieb, vielleicht würde er es schaffen und nicht verbittert werden, vielleicht würde er Uljana nicht für seine Kränkung büßen lassen – mit seinen Stümpfen, Herrgott verzeih. Aber jetzt für immer so an ihn gebunden zu sein … Der Gedanke war ihr gekommen, immer wieder durchgezuckt: »schwer verwundet« bedeutete vielleicht einen Arm oder ein Bein verloren. Aber sie hatte sich verboten, weiter in diese Richtung zu denken, damit es nicht Wirklichkeit wurde, und jetzt war alles schon geschehen und wartete einfach auf sie wie eine Rattenfalle, mit einem Stück Speck auf dem Auslöser – acht Millionen Rubel, du dumme Kuh. Und was bedeuten dir diese acht Millionen? So viel gibt es doch nur, wenn einer im Sarg liegt; für eine Verwundung gibt es weniger, für eine Behinderung auch …
Sie nahm ihr Telefon und suchte nach, wie viel es für eine Behinderung überhaupt gab. Da stand Verschiedenes. Sie schaltete das VPN ein und fragte noch einmal bei der KI nach, so wie Kristinka es ihr gezeigt hatte. Die spuckte sofort einen Bericht aus: sechs Millionen, wenn die Arbeitsfähigkeit vollständig verloren sei. Na gut, sechs … Sechs war nicht wenig … Aber die sechs würden ihm ausgezahlt, Sascha, und die musste man wahrscheinlich auch noch mit seinen Eltern teilen; schließlich würden die ja ebenfalls von ihm abhängig sein. Wie sollte man das aufteilen? Halb und halb? Sie fragte die KI, wie die Entschädigung für eine Behinderung unter einem Teilnehmer der Sonderoperation zwischen seiner Frau und seinen Eltern aufgeteilt werde. Es hing von der Zahl der Kinder ab, aber klar war, dass Uljana nicht alles zustand. Und sie hatte ihn ja gar nicht nach seiner Mutter gefragt, ob sie wusste, dass man ihn gefunden hatte, fiel Uljana plötzlich ein. Auf dem Weg dorthin hatte sie daran gedacht, als sie die Würstchen im Teig kaute, hatte es im Kopf behalten, aber kaum war sie in das Krankenzimmer gegangen, hatte sie es auch schon vergessen. Dabei hatte niemand mit ihr von seiner Mutter gesprochen – weder Sascha noch die Bettnachbarn, weder der behandelnde Arzt noch die Schwester. Aber Sascha selbst musste doch auch an seine Mutter gedacht haben. Er war bei Bewusstsein, wenn auch etwas neben der Spur, und das Krankenhaus war schließlich ein Militärkrankenhaus. Irgendwo musste doch vermerkt sein, dass er lebte und gefunden worden war; dann würde die Nachricht die Kette entlang bis zum Wehrkreiskommando gehen, und die würden Tatjana Bescheid geben. Wahrscheinlich hatte man ihr längst Bescheid gesagt, und sie rief Uljana nur nicht an, schwieg. Konnte es sein, dass sie auch schon hergekommen war? Oder stand sie gerade am Bahnhof in Wologda und wartete auf denselben Zug, um morgens bei Sascha zu sein? Vielleicht war sie schon vor Uljana bei Sascha gewesen, als Erste? Sie hätte den behandelnden Arzt fragen müssen, du Idiotin, warum hast du nicht gefragt? Dann hätte sie wenigstens irgendeine Klarheit gehabt, aber so … Und die acht Millionen müsste sie ohnehin teilen, und das auch nur, wenn sie Tatjana noch zuvorkam und sich registrieren ließ. Aber acht Millionen, selbst durch zwei, waren vier; und wenn es ein Kind gab, hatte die KI gesagt, stünden Uljana zwei Drittel zu, den Eltern nur ein Drittel. Zwei Drittel von acht – wie viel war das … Wie viel, wie viel, kam sie zu sich. Was rechnest du da aus, was rechnest du dir hier zusammen? Hast du ihn etwa schon beerdigt, deinen Saschka, teilst du schon die Sterbegeldsumme mit Tatjana auf? Was bist du doch für ein Dreckstück. Und seiner Mutter bist du kein bisschen besser. Denk lieber daran, wie er dich angelächelt hat, wie sehr er sich gefreut hat, dich zu sehen, wie sehr er sich über das Kind gefreut hat, wie er sich Sorgen gemacht hat, dass er es ohne Beine nicht versorgen und großziehen könnte. Wie kann man überhaupt an Geld denken? Na und, Geld ist Geld – was soll es dir? Du bist jung, du hast Beine, Hände und eine Fotze, Herrgott verzeih, du wirst dich schon irgendwie selbst durchbringen. Diese Millionen kannst du dir sonst wohin stecken. Na gut, du kaufst dir eine Wohnung und musst nicht mehr zur Miete wohnen. Und was ändert sich dadurch? Na ja, eine eigene Wohnung ist natürlich ein ganz anderes Leben: Sicherheit, du bist deine eigene Herrin, von niemandem abhängig. Was ändert sich also wirklich … Aber um welchen Preis? Doch nicht um diesen Preis? Von niemandem abhängig sein, nicht mehr von irgendwem abhängig sein, selbst über sich bestimmen – das wäre es, genau das. Aber wenn du dein Leben lang an einen Mann ohne Beine gebunden bist, und sei es in der eigenen Wohnung, ist das etwa ein Traum? Und wie wird die Operation verlaufen? Der behandelnde Arzt hatte doch gesagt, sie sei kompliziert und es könne noch alles Mögliche passieren. Oder hatte er das gar nicht gesagt, hatte Uljana es selbst so verstanden? Und was konnte »alles Mögliche« bedeuten? Vielleicht noch etwas Schlimmeres, vielleicht würde man ihm noch etwas abnehmen, vielleicht würde er für immer ans Bett gefesselt sein und sich unter sich machen, und sie durfte dann sauber machen. Und wie fickt man überhaupt mit einem Mann ohne Beine? Es war sündig, so etwas zu sagen, sündig, aber man musste auch daran denken. Sie war schließlich noch eine junge Frau, gesund, sie brauchte es. Den Vibrator hatte sie, während sie auf Nachricht von Sascha wartete, ganz schön strapaziert. Sie war ihm treu geblieben, aber zwei Monate waren das eine, das ganze Leben etwas anderes. Lass das, du denkst an das Falsche. Es ist eine Schande, daran zu denken, aber es konnte doch alles Mögliche passieren – vielleicht würde er auch nicht durchkommen, auch das war eine Schande, noch schlimmer. Aber warum sollte es denn eine Schande sein? Uljana hatte doch nur sich selbst. Was konnte sie von ihrer Mutter erwarten, mit ihrem Gehalt? Noch ein, zwei Jahre würde sie hinterm Ladentisch stehen und dann in Rente gehen, und von der Rente konnte man keine großen Sprünge machen. Wer sollte sie ernähren? Die Tochter, die sollte sie ernähren. Na gut, das war normal, aber woher sollte sie das ganze Geld dafür nehmen? Na, eben daher, wenn sie heirateten, aus genau diesem Geld. Was war denn dabei? Wer sollte schließlich alles auf seinen Schultern tragen? Doch nicht Tatjana Nikolajewna! Übrigens, wie viel hatten die für ihre Wohnung bezahlt, fragte sich Uljana. Sie hatten wohl eine heruntergekommene genommen, aber in Saretschje, fast im Zentrum. Bestimmt hatten sie sich dafür verschuldet, und die Raten mussten sie noch lange abbezahlen. Aber dafür wollte Uljana ganz bestimmt nicht aufkommen: Selbst schuld, sie hatte ihren Sohn wegen des Geldes in die Armee getrieben, ihn in den Fleischwolf geschickt, und jetzt regte sie sich auf. Hätte sie Saschka doch lächeln sehen. Das wäre was für sie gewesen. Also, war sie nun gekommen oder nicht? Aufschieben durfte man es auf keinen Fall; gleich morgen früh musste sie zum Chefarzt und sich einen Termin geben lassen.
Sie fragte die KI, wie genau man Teilnehmer der Sonderoperation heiratete, die im Krankenhaus lagen. Die gab eine vollständige Anleitung: Man musste nicht zum Standesamt fahren, man konnte noch am selben Tag heiraten, sogar direkt im Krankenhaus; die Verwaltung rief einen Standesamtsmitarbeiter, und einen Monat musste man auch nicht warten. Dafür gab es jetzt einen besonderen Regierungsbeschluss; sogar der Präsident hatte sich dazu geäußert: Man habe alle Voraussetzungen geschaffen. Na, wenigstens etwas, wenigstens da, dachte Uljana erleichtert, dass sie es noch rechtzeitig schaffen würde, und war plötzlich dankbar für den Staat, den sie sonst für einen durchgedrehten Drescher hielt – versteck dich und weich ihm aus, sonst zermalmt er dich. Und jetzt auf einmal: Bitte schön, Fürsorge für die Menschen. Na, danke, das nehmen wir doch gern an. Und drei Millionen für die Behinderung, das war ja kein Geld, das waren Unmengen, wenn die Anzahlung hoch genug war und man den Rest dann vom Gehalt nach und nach abknapsen konnte. Dazu würde er eine Rente bekommen. Er musste ja nicht sterben, und Uljana musste kein Dreckstück sein. Im Gegenteil, im Gegenteil – er würde sich wieder aufrappeln, und was war mit ihr? Würde sie diesen Saschka wirklich verlassen, der sie so liebte, der noch vor seiner Mutter sie anrief, der von allem, was ihm von Kindheit an bis zum Einschlag widerfahren war, nur ihre Telefonnummer im Gedächtnis behalten hatte? Würde sie ihn etwa verlassen und losziehen, um ihr fröhliches Leben zu leben? Nein, sie waren jetzt doch aneinander gebunden, und Uljana würde ihn nicht verlassen, sondern gesund pflegen. Und er würde nicht anfangen zu saufen. Ja, wer weiß, vielleicht würde er tatsächlich noch zu den Paralympics fahren. Das hinge davon ab, wie sehr sie sich ins Zeug legte. Allein wäre das beängstigend, ja. In den Neunzigern hatten die Frauen sich mit den Veteranen herumgeschlagen, die aus Tschetschenien zurückgekommen waren. Aber mit den Mitteln, die es jetzt gab, würden sie das nicht schaffen? Natürlich würden sie es schaffen. Sie musste nur morgen früh gleich ins Krankenhaus und sofort zum Chefarzt, damit sie hundertprozentig alles rechtzeitig erledigten. Gott gebe, dass bei Saschas Operation alles gut ging, Gott gebe, dass alles klappte!
• • •
Maxim nahm von der gemeinsamen Platte eine Scheibe Rotfisch und roch unauffällig daran, während er sie zu seinem Teller trug. Nein, der Geruch kam nicht vom Fisch.
Das Lokal war voll und lebhaft. Die Kellner, nach neuer Moskauer Schule – nicht gedrillt, nicht unterwürfig, nicht anbiedernd, sondern zurückhaltend lächelnd, als wären sie einfach freundlich und gastlich –, materialisierten sich neben einem, sobald man nur an sie dachte, und lösten sich im Restaurantlärm auf, sobald man sie vergaß. Alles war hier geschmackvoll eingerichtet, musste Maxim zugeben. Man brachte schöne Gerichte, schenkte in dünnwandige Gläser ein und legte angenehme elektronische Musik auf. Sie war nicht verschwunden: Moskau blühte. Moskau brummte.
Er schenkte sich Weißwein ins Glas und stand auf.
— Na, was denn? Vadik! Wie viele Jahre du heute alt wirst, wollen wir hier nicht laut aussprechen …
— Und das ist auch richtig so! — unterbrach ihn der kahlköpfige Jubilar. — Das Alter ist wie das Wetter auf dem iPhone. Egal, was da steht, wichtig ist, wie es sich anfühlt! Und es fühlt sich an wie siebenundzwanzig!
— Ganz genau, — lächelte Maxim. — Und weißt du … Wenn man einen Menschen schon lange kennt … Dann sieht man in seinem Gesicht genau die Züge, die man von früher kennt, aus der Kindheit, aus der Jugend. Also, wenn ich dich jetzt anschaue, sehe ich einen Zehntklässler. Na ja, ein paar Falten sind dazugekommen, ich will ja nicht lügen, aber du bist derselbe geblieben. Nicht nur wie mit siebenundzwanzig, sondern wie mit sechzehn.
— »Kinder, eure Mama ist wieder sechzehn …« Haha, — stimmte Koljan ein.
— Ja. Und wir alle wissen doch von uns selbst, dass wir innerlich dieselben Menschen sind wie mit sechzehn und mit siebenundzwanzig. Das heißt, unsere Freunde, die engsten, die aus der Schule … Seit der ersten Klasse, nebenbei bemerkt … So wie wir hier … Sie sehen uns unser ganzes Leben lang so, wie wir uns selbst sehen: zeitlos, alterslos. Sie sehen unser Wesen. Sie verstehen, dass es gar kein Alter gibt, dass das alles eine Illusion ist. Kurz, Vadik! Du bist nicht einmal siebenundzwanzig, du bist einfach sieben, genau wie ich, und ich hab dich sehr lieb!
— Küss dich! — rief Koljan.
— Küss dich! — stimmte der ganze Tisch mit schallendem Gelächter ein.
Maxim stieß mit Vadik an, nahm einen großen Schluck und plumpste auf seinen Platz. So, das war geschafft. Er tupfte sich den Schweiß ab.
Offenbar kam hier niemandem außer ihm noch der Gedanke, dass das alles unpassend war.
Er schaute zu seiner Frau hinüber – sie plauderte angeregt mit Kira, ihr Glas stand wie gewöhnlich voll. Wenn jemand einen Toast ausbrachte, nahm sie einen Schluck – einfach, damit niemand Fragen stellte –, und stellte es dann unauffällig wieder ab. Mit den Tabletten vertrug es sich nicht.
Sie waren schon lange nicht mehr ausgegangen. Aber es war der runde Geburtstag eines Klassenkameraden, und außerdem waren schon siebzig Prozent des Lebens vorbei, bald wäre es ganz zu Ende. Sie hatten sich keine Ausreden ausgedacht, waren gekommen. Hatten sie das Richtige getan? Was war menschlich gesehen richtiger?
Eigentlich konnten Marina und Maxim sich Restaurants durchaus leisten, und schon vor dem Krieg hatten sie freitags und samstags meist gar nicht erst zu Hause zu Abend gegessen: Gewöhnlich verknüpften sie ein Konzert im Konservatorium oder eine Premiere in irgendeinem experimentellen Theater mit der neuesten Fusionsküche. Der Krieg hatte die Restaurants nicht angerührt; sie standen da wie zuvor, und das Essen schmeckte genauso gut. Und wenn man ehrlich war, hatte sich am Geld in ihrer Familie nicht besonders viel geändert. Im Moskau ohne Krieg konnte man genauso schwelgen wie im Vorkriegsmoskau, alle Möglichkeiten waren vorhanden, und in dieser Stadt lebten genug wohlhabende Leute, dass jedes Lokal innen wie außen brechend voll war. Wie die Hostessen sagten: Wir sind ausgebucht. Allenfalls hatte sich das Publikum etwas verändert – Gesichter, die zwei Jahrzehnte Europäisierung geschliffen hatte, gab es weniger; dafür mehr ungeschliffene. Auf den Restaurantterrassen saßen nun offenbar dieselben Leute, die auch die chinesischen Flaggschiffe steuerten, und blickten von dort mit demselben Ausdruck auf die Welt: siegessicher und kompromisslos. Und an Appetit mangelte es ihnen trotz allem Krieg nicht.
Nur Maxim hatte der Appetit verlassen.
Und woher hätte er kommen sollen? Von den Aufnahmen brennender ukrainischer Städte? Von den Drohnenbildern der Männchen, die sich am Boden krümmten? Von den endlosen Feldern voller Kreuze? Davon, dass das Fernsehen den Menschen all diesen Schrecken jeden Tag als Erfüllung ihres eigenen Willens verkaufte? Von all den anderen endlosen Lügen, mit diesem widerlichen Grinsen? Davon, dass man gezwungen wurde, diese Lügen zu glauben oder ihnen wenigstens nicht zu widersprechen? All das verdrehte Maxim den Magen, ließ ihm die Kehle zuschnüren, wirklich, ganz buchstäblich.
Im ersten Kriegsjahr hatte er sich sogar ein paarmal mit Freunden gestritten, die weiter hartnäckig in Restaurants fraßen und nicht auf ihre Essgewohnheiten verzichten wollten. Wütend hatte er ihnen gesagt: Ja, die Patris stehen noch da, alles beim Alten, kein Stein rührt sich – nur dass man euch dort statt Kalbfleisch jetzt Menschenfleisch serviert. Schmeckt euch das Fleisch?
Sie antworteten, sie wollten nicht auf ihr friedliches Leben verzichten – zumal die Regierung es ihnen wegnehmen wolle; vielleicht sei das ja ihre Form des Protests! Maxim versuchte ihnen klarzumachen, dass es der Regierung im Gegenteil gelegen kam, die Illusion der Normalität aufrechtzuerhalten. Solange der Krieg nicht total war, wollte sie, dass Moskau und Petersburg wie friedliche, satte Städte aussahen, und dass die Auslöschung von Menschen an den Rand des Massenbewusstseins gedrängt und eigens dafür angeheuerten Mördern überlassen wurde. Wer sich vom Krieg abwenden und nicht hinsehen wollte, sollte die Möglichkeit dazu haben. Und die Leute, die demonstrativ in angesagten Gastro-Bars ihr Essen kauten, normalisierten den Krieg gerade dadurch, dass sie ihn für weit entfernt und ungefährlich hielten – und ihn damit weit entfernt und ungefährlich machten –, also für erträglich und hinnehmbar. Genau diese Regierung wollte den Krieg für alle akzeptabel machen.
Im ersten Kriegsjahr stimmten viele Maxim zu, im zweiten nur noch wenige, im dritten niemand mehr, und im vierten saß nun auch Maxim selbst, bitteschön, im Restaurant. Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum, saß aber da. Er schnupperte, aß aber trotzdem.
Vadik wollte Maxim heute natürlich nichts von Menschenfleisch erzählen. Wozu jemandem den Geburtstag verderben? Er hatte seine Rede gehalten. Geschwitzt. Geschluckt. Aus solchen kleinen Kompromisschen setzt sich der Konsens zusammen, kniff er sich selbst in die Seite. Andererseits … Wem und was hatte er mit seiner demonstrativen Restaurantabstinenz bewiesen? Niemand war seinem dreisten Dolce-Vita-Boykott gefolgt; die Moskauer hatten weiter geschlungen und schlangen immer noch. Die Nagetierkolonne hatte den Verlust eines Kämpfers nicht bemerkt.
Während alle Koljan zuhörten, schenkte er sich noch ein Glas ein – selbst, ohne auf die Gunst des Kellners zu warten – und trank es hastig aus. Marina registrierte es aus dem Augenwinkel, sagte aber nichts.
Der Chablis war ausgezeichnet, und der Grad seiner Widerwärtigkeit sank um einen Weingrad.
Da stand Emma auf. Sie nahm die Brille ab und wischte sie sauber. Sie begann zu sprechen, doch es kratzte ihr im Hals. Sie räusperte sich. Der Jubilar zischte, alle verstummten und drehten sich zu ihr um.
— Wissen Sie, — sagte sie klar, aber leise. — Ich würde heute gern noch auf etwas anderes das Glas erheben. Auf einen friedlichen Himmel über unseren Köpfen.
Dann entstand eine Sekunde lang Stille. Und offenbar hatte man diesen Toast nicht nur an ihrem Tisch, sondern auch an den Nachbartischen gehört. Die Leute brummten zustimmend, aber ebenfalls leise, als hätte man bei einer Totenwache in ihrer Gegenwart ein gutes Wort über den Verstorbenen gesagt.
— Auf den friedlichen Himmel! Und auf dich, Emmotschka! Du bist großartig! — sagte Maxim zu ihr. — Großartig!
Er klatschte einmal, zweimal, dreimal in die Hände – und traf mit seinem Blick auf den Kellner. Der hatte ein seltsames, undurchdringliches Gesicht. Regungslos wie eine Überwachungskamera schaute er Maxim an, vielleicht prägte er sich ihn und die ganze Runde ein, um sie später wiederzuerkennen.
• • •
Sie war ein wenig früher losgegangen, um noch spazieren zu gehen. Der Leninski-Prospekt schimmerte in der Dunkelheit, auf dem Gagarin-Platz schoss der eiserne Mensch in den Scheinwerferstrahlen in den dunkelblauen Himmel, und endlich gab es frische Luft. Entlang der Straße leuchteten die Werbetafeln – mal Gesichter von Helden der Sonderoperation, mal Online-Marktplätze, mal Mobilfunkanbieter. Uljana freute sich, dass jemand auf die Idee gekommen war, auch für die Helden zu werben, denn das war gerecht: Sie hatten schließlich ihr Blut vergossen, ihre Gesichter musste man denen zeigen, die Moskau nie verließen – außer für Dubai. Vielleicht würden sie eines Tages auch Saschkas Gesicht hier anbringen, dachte sie. Das wäre cool, Uljana wäre stolz, na und? Man musste ja nicht unbedingt gleich sterben, um ein Held der Sonderoperation auf einer Werbetafel am Leninski-Prospekt zu werden.
Ihre Mutter rief an. Uljana wollte nicht rangehen, aber sie ging ran.
— Hallo.
— Wie geht’s dir, Uljasch?
— Mir geht’s gut, Mama.
— Und wie geht’s Sascha?
— Sascha … Ich war bei ihm. Ich hab’s ihm gesagt.
— Und was hat er gesagt? Hat er sich gefreut?
— Ich weiß nicht, Mama. Ich bin nicht sicher, ob er es verstanden hat.
— Na, macht nichts, das kommt noch. Bei Männern dauert es, bis etwas ankommt.
— Ja.
— Und wie geht’s meiner Marinka dort? Und Maxim?
— Sie halten sich tapfer.
— Haben sie dich gut aufgenommen? Auch richtig familiär?
— Ja. Tante Marina hat die ganze Zeit nach dir gefragt.
— Na gut. Und bei uns hier …
So kam sie bis in den Hof – das Telefon hielt sich nur noch mit letzter Kraft. Während sie das Gespräch mit ihrer Mutter zu Ende geführt hatte, war der Akku völlig leer geworden. Im Dunkeln schleppte sie sich bis zum Hauseingang, hob den Kopf – die Fenster waren schwarz. Auch der Pförtner hatte schon Feierabend, die Pförtnerloge war leer, die Vorhänge zugezogen. Sie setzte sich wieder auf dieselbe Bank wie am Morgen und wartete auf die Wohnungsinhaber. Es ging auf zehn zu, vermutlich würden sie sich nicht allzu sehr verspäten.
Aber sie kamen nicht und kamen nicht. Ihr Magen begann zu knurren und sich vor Hunger zusammenzuziehen. Außerdem war ihr ein wenig übel vor Ärger auf Tante Marina, dass sie nachts irgendwohin gegangen waren, ohne Bescheid zu sagen.
Statt ihrer tauchte im Hof irgendein Typ auf. Er redete laut mit sich selbst, lachte und kam Uljana immer näher. Zuerst spannte sie sich an und dachte, er wäre ein Junkie, aber dann sah sie genauer hin: Er sprach einfach in seine weißen Ohrhörer. Ein ganz normaler Typ, sogar ganz süß. Er blieb vor Uljanas Hauseingang stehen, beendete sein Gespräch, öffnete eine Papiertabakpackung und begann, sich eine komische Selbstgedrehte zu rollen. Er verschloss sie, strich sie glatt, zündete sie an, bemerkte Uljana und verbeugte sich theatralisch vor ihr, lächelte dabei aber warm und kumpelhaft. Während er auf und ab ging, redete er noch weiter:
— Nee, Bro, also du hast da auch ordentlich einen rausgehauen. Na, das da, als ihr zu dritt auf dem E-Scooter wart, du und die Mädels, und in die Büsche gekracht seid! Ja! Und die Bullen hinter euch her … Na … Da hättet ihr euch ganz schön was einfangen können … Was heißt, du erinnerst dich nicht? Hast du einen Blackout, oder was? Wer hat denn um fünf Uhr morgens auf dem Dach zu Dorn getanzt? Ja, Mann, ja! Ich sag’s dir! Klar, Absinth mit Sprite, eine ungewöhnliche Wahl! Am Mittwoch ist was. Bei denen mittwochs. Im „Rovesnik“. Diana legt auf, ja. Sie spielt so Zeug, weißt du, mal Synthiepop, mal so einen orientalischen Mix, aber am besten ist es freitags bei denen: Da nehmen sie Filmmusik und unterlegen sie mit Beats. Ja. Klar, nächstes Mal gehen wir zusammen. Abgemacht. Na gut, Bro, ich bin fertig mit Rauchen. Aha, umarm dich. Umarm dich.
Er ging zum Mülleimer, warf die Kippe sorgfältig hinein, kehrte zur Tür zurück, hielt den Schlüssel an die Gegensprechanlage und wandte sich zu Uljana um:
— Müssen Sie nicht hier rein?
Er war groß, hatte einen üppigen Schopf dunkler Haare und war schön, auf diese gepflegte, großstädtische Art, fast eher nicht russisch, sondern französisch, oder so. Und dabei hatte er so ein Gesicht – vertraut, als kenne man sich seit hundert Jahren, mit so einem Menschen konnte man leicht ins Gespräch kommen. Das weiße Sommerhemd stand ihm, als wäre er mit einem Segelboot an diesem Hauseingang festgemacht. Uljana dachte plötzlich: Wenn Sascha so ein Hemd anhätte, sähe er aus wie ein Kellner aus der „Schokoladniza“.
— Wir müssen hier rein —, nickte sie.
— Dann gehen wir denselben Weg.
Im Grunde war es ihr egal, wo sie wartete – hier oder oben im Stockwerk. Es war Juli, die Nächte waren warm. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie zustimmen, diesem unbeschwerten, fröhlichen jungen Mann folgen, wohin auch immer … Irgendwohin.
— Darf ich? — Sie stand von der Bank auf.
— Sie müssen sogar! — Der Junge öffnete die Tür, hielt sie mit dem Rücken auf und bat Uljana hinein.
Er schöpfte keinen Verdacht. Verhörte sie nicht. Ließ sie einfach rein, das war’s.
— Schlüssel vergessen? — fragte er sie schon auf der Treppe. Sie stiegen Schritt für Schritt nebeneinander hinauf.
— Ich hab gar keinen bekommen. Hab ich mir noch nicht verdient —, grinste sie.
— Neue Nachbarn?
— Unangemeldeter Besuch.
— Aufklärerin?
— Räuberin.
Während sie auf den Aufzug warteten und gemeinsam schweigend zusahen, wie sich die Zahlen auf der Stockwerksanzeige veränderten, scannte er sie in einem Sekundenbruchteil mit den Augen ab – mehr als genug Zeit, um sie abzufangen, natürlich. Von oben nach unten, von unten nach oben und zurück zur Anzeige.
Die Soldaten im Krankenhaus hatten sie zwar mit Blicken überschüttet, aber Soldatenaufmerksamkeit war keinen Pfifferling wert, bei denen kam sowieso immer zu wenig an. Und für die privilegierten Moskauer, die innerhalb des MKAD lebten, war sie wie trübes Glas: Alle sahen finster durch sie hindurch – und an ihr vorbei. Dieser hier war der Erste, der in ihr auch einen ganz normalen Menschen sah und nicht eine Auswärtige. Und … ein Mädchen, dachte Uljana, hatte er in ihr gesehen. Für eine Sekunde kam es ihr wieder so vor, als könnte sogar sie, Uljana, sich in Moskau vom Asphalt abstoßen und abheben. Ihr zog sich das Herz zusammen – wegen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit.
— Ehrlich, danke, Sie haben mich gerettet —, wandte Uljana sich zu ihm um. — Sonst hätte ich noch auf der Bank kampieren müssen, bis die Meinen kommen. Und dann so ein Prinz.
— Ein Prinz auf dem weißen Ross —, lachte der Junge, und da roch man, dass er irgendeinen aromatischen, wahrscheinlich nicht gerade einfachen Alkohol getrunken hatte. — Und Sie sind zufällig nicht Dornröschen?
— Offenbar bin ich das wache Dornröschen.
Im Kopf hatte sie sogar schon die Antwort „Eine, die mit niemandem schläft“, aber sie traute sich nicht, so zu scherzen.
— Sind Sie zufällig Löwe im Sternzeichen? — fragte sie. Hundertprozentig Löwe!
— Wenn, dann höchstens gesellschaftlicher Löwe. Welcher Stock ist es bei Ihnen?
— Der fünfte.
— Das ist also zu den Nachbarn? — Erstaunt blickte er sie an, und plötzlich fiel alles Geheimnisvolle von ihm ab, als hätte man ihn mit Antistatikum besprüht. — Uljan, du?! Unfassbar!
Uljana erstarrte – und plötzlich ging auch ihr ein Licht auf.
— Kirjuscha?
— Wow! Na, du …
— Und du erst … Was heißt hier Kirjuscha … Hier steht schon der ganze Kirill Maximowitsch vor mir …
— Scheiße. Wie bin ich nicht drauf gekommen …
— Ich hab auch gedacht, irgendwas kommt mir bekannt vor …
— Wie viele Jahre ist das her, verdammt? So fünfzehn?
— Noch mehr! Ich war zwölf.
— Wahnsinn …
Kirill schloss die Tür auf, traf aber das Schlüsselloch nicht, weil er Uljana immer wieder ungläubig ansah. Schließlich ließ er sie herein und fügte schon auf der Schwelle hinzu:
— Mama hat doch gesagt, dass du gekommen bist … Dass du hier einen Verlobten hast, ja? Im Krankenhaus …
Sie war, als wäre sie im Dunkeln in einen offenen Kanalschacht getreten; in dem kurzen Moment der Schwerelosigkeit schossen ihr alle Eingeweide in die Kehle: Sie versank vor Scham. Dass sie gerade mit ihm geflirtet hatte, kaum dass sie Sascha verlassen hatte, und noch mehr bei dem Gedanken, Kirill könnte jetzt begreifen, dass sie, während ihr verletzter Verlobter im Krankenhaus lag, den erstbesten anmachte. Ihr wurde heiß, es kribbelte … Herrgott, was bist du doch für eine …
Kirill bat sie, ihm in die Küche zu folgen.
— Möchtest du irgendwas? Cognac oder was mit Bläschen?
— Ich nehm einfach einen Tee. Und ein Sandwich, wenn’s eins gibt.
— Na gut, machen wir Tee.
Sich selbst schenkte er einen Fingerbreit von irgendetwas Bernsteinfarbenem ein und warf Eis hinein. Dann setzten sie sich zum Tee.
— Und wie geht’s ihm? — fragte Kirill. — Deinem?
— Wie soll’s ihm schon gehen … — sagte Uljana. — Sie haben ihm die Beine abgenommen.
— Ach du Scheiße. Was für ein Mist —, sagte er bedrückt.
Er nahm einen großen Schluck. Machte ihr ein Sandwich mit Doktorskaja-Wurst und reichte es ihr.
Sascha tauchte vor Uljana auf, mit seinem leeren Bettlaken und seinen Hundewelpenaugen, mit seinem zugedröhnten Lächeln. Auch sie hätte jetzt gern etwas Hochprozentiges gehabt, aber sie durfte nicht. Sie tat drei Löffel Zucker in den Tee.
— Wie alt ist er denn?
— Siebenundzwanzig.
— So alt wie ich, oder was? Verdammt.
Na, immerhin ging er Sascha nicht aus dem Weg wie seine Eltern, tat nicht so, als wäre Uljana grundlos bei ihnen aufgetaucht, als wäre sie einfach nur zu Besuch gekommen.
Er stand auf, nahm eine Flasche aus dem Regal und schenkte sich nach. Der eine Fingerbreit hatte nicht gereicht, um das zu verdauen. Uljana schwieg. Sie hatte dem nichts hinzuzufügen.
— Erinnerst du dich an diesen Weihnachtsbaum? Du bist damals zu uns zum Weihnachtsbaum gekommen, stimmt’s? Zur Kreml-Weihnachtsfeier.
— Ja, natürlich erinnere ich mich! Heute habe ich gerade daran gedacht …
— Mama hat damals Karten besorgt, für uns und für euch. Vorher und nachher war ich nie dort. Deshalb verbinde ich dich wirklich mit dem Kreml … Du hattest so ein goldenes Kleid an, oder?
— Genau! Es war golden! — Uljana lächelte bei der Erinnerung.
— Siehst du! Stell dir vor, das ist hängengeblieben … Und … Ach ja, und daran, wie Mama mich zu euch ins Dorf mitgenommen hat. Ich erinnere mich an den Keller und den Hahn.
— Was für einen Hahn denn?
— Na, irgendeinen. Einen schwarzen. Und daran, wie da ein Typ mit einer Kettensäge Holz gesägt hat und wie es gerochen hat … nach Benzin. Und Holz.
Vielleicht dachte er gar nicht daran, über sie zu urteilen. Vielleicht kam ihm das gar nicht in den Sinn. In seinem Kopf war etwas anderes: Er selbst war noch klein, und Uljana war zwölf und trug ein goldenes Kleid. Kirill lächelte sie an, und sich selbst – und versank in Gedanken. Er betrachtete die Tapete. Uljana wurde wieder unruhig: Was jetzt?
— Der arme Kerl … Aber … — Kirill rieb sich die Stirn. — Warum ist er denn nicht abgehauen?
— Wohin?
— Na, aus Russland.
— Wie denn?
— Na ja … Wie … Ich meine, hat er keinen Reisepass?
— Nein.
— Und warum hat er keinen beantragt?
— Wohin hätte er denn reisen sollen? — Uljana grinste. — Ich hab auch keinen. Und außerdem kostet das Geld.
— Na ja, das Geld. Dafür hätte er abhauen können. Er wurde doch einberufen, oder?
Uljana dachte einen Moment nach und nippte erst einmal an ihrem Tee. Das war eine Prüfung. Aber Kirjuscha war auf Uljanas Seite und gab ihr selbst die richtige Antwort vor. Er wollte, dass Sascha nicht diente, dass er abhaute. Ging es ihm dabei nur um Mitleid, oder war er grundsätzlich gegen den Wehrdienst, gegen den Krieg? Offenbar hoffte er, dass Sascha gezwungenermaßen, aufgrund eines Einberufungsbescheids, zum Dienst gegangen war. Die richtige Antwort lautete: Sie haben ihn gezwungen.
Sie neigte den Kopf nach vorn. Offenbar hatte sie richtig geraten.
— Scheiße … Na, egal. Armenien gibt’s doch, Kasachstan … Da kommt man mit dem Inlandspass rein. Belarus! Hör zu, ja … Nehmen wir nur mich als Beispiel, damit wir gar nicht erst weit suchen müssen … Also, ich hab persönlich einen Einberufungsbescheid bekommen. September zweiundzwanzig. Erinnerst du dich, als sie die an alle verschickt haben? Wegen der Teilmobilisierung. Einem anderen Kumpel von mir kam derselbe Liebesbrief. Also sind wir sofort ins Auto gestiegen, Mama hat Syrniki für unterwegs gebacken, Sandwiches gemacht, und ab ging’s nach Georgien. Als am Oberen Lars eine Million Leute im Stau standen, waren wir mit allen zusammen dort. Drei Tage im Auto. Die Sandwiches haben wir alle aufgegessen, danach hätten wir uns fast gegenseitig gefressen. Aber irgendwie sind wir durchgekommen. Hauptsache, sie ziehen dich nicht ein. Es war nämlich verdammt beängstigend.
Uljana nickte ihm zu.
— Verstehe.
— Na, verstehst du? Es hätte doch gereicht, die heißeste Phase, solange sie alle eingesammelt haben, irgendwo anders auszusitzen. Denen ist doch egal, wer kommt und wer nicht, die zählen einfach nur die Köpfe. Wer auftaucht, taucht eben auf. Sie mussten also nicht unbedingt deinen Freund haben … Einfach irgendwen … Irgendeinen Trottel, der nicht kapiert, was im Land vor sich geht. Also … Sorry, so meinte ich das nicht …
Uljana zuckte mit den Schultern.
— Na ja, ich hab nur ein Leben, Uljan … Was soll ich, es einfach wegwerfen, oder was? Das ist doch alles totaler Irrsinn, was sie da im Fernsehen erzählen, und ich weiß, dass das irgendeine Schwachsinnsprophezeiung ist, und du weißt es auch, und die wissen es alle selbst, aber alle tun so, als wäre das ernst gemeint. Nichts für ungut! Deshalb tut mir dein Freund auch so leid. Wofür, wozu muss er das alles durchmachen? Für nichts und wieder nichts. Einfach nur, weil unser Opa durchgedreht ist. Wie heißt er noch mal, hast du gesagt? Sascha?
— Sascha.
— Also wofür macht dein Sascha das alles?
Uljanas Angst vor dem großstädtischen Verwandten, ihre Angst, wegen Gedankenverbrechen verurteilt zu werden: wegen Hurerei, wegen Verrats an Sascha, wich zurück; und die Erinnerung an das goldene Kleid, die Freude über die sekundenlange Nähe, über das gemeinsame Stück zarter Kindheit mit diesem fremden Menschen, verlor ebenfalls ihre Farbe und wurde wieder zu einem alten Polaroidfoto: nur noch verschwommene Umrisse. Und selbst die Tatsache, dass Kirill sich für Sascha interessiert hatte, konnte ihn nicht mehr entschuldigen. Er war abgehauen, und damit basta. Na und? Weil er es konnte. Weil er einen Reisepass hatte.
Weil er Schiss hatte. Er hatte Schiss, und nicht etwa, weil er schlau war.
Wahrscheinlich spiegelte sich das sofort in ihrem Gesicht. Lügen, um zu überleben, hatte sie irgendwie gelernt, aber zum Schauspielern hatte der liebe Gott ihr nicht besonders viel Talent mitgegeben. Sie hatte noch kein Wort gesagt, doch er spürte schon, dass etwas in ihr umgeschlagen war, sah es sogar durch seinen Cognac hindurch und wurde hektisch, fing an, draufloszuplappern.
— Und warum bist du nicht in deinem Georgien geblieben? — antwortete Uljana.
— Hör mal, warum ich nicht geblieben bin … Na, da ist es trotzdem ziemlich hart. Ziemlich karg. Wir haben ihnen dort natürlich das Beste aus Moskau mitgebracht – Matcha Latte, Kinky-Partys und einen Gassi-Service für Hunde –, aber die Leute dort sind im Großen und Ganzen auf ihrer eigenen Wellenlänge. Ganz Tiflis ist mit Graffiti vollgeschmiert: „Fuck Russians“ und „Russians go home“, und jedes Gespräch mit Einheimischen beginnt damit, dass ich dagegen bin, dass ich wegen des Krieges weg bin, und dass wir euch sehr dankbar sind und so weiter. Die ersten drei Monate dieses Bußrituals waren irgendwie okay, aber irgendwann wird’s ein bisschen eintönig. Nein, ich bin ihnen wirklich sehr dankbar für die Gastfreundschaft, und Tiflis ist eine tolle Stadt, die Leute, die Chinkali, der Aragwi, die Kura, der Tschatscha, die jungen Designer – ich verstehe ja alles, sie sind im Recht, sie haben in den letzten zweihundert Jahren von uns eine Menge mitgemacht und sind auch müde geworden. Aber kein Tag vergeht, ohne dass man dich daran erinnert, dass du hier zu Gast bist – als würde man mit dir reden und dabei ständig auf die Uhr schauen: Wann haust du endlich ab, verstehst du? Und, wenn ich ehrlich bin, kommt es an Moskau bei Weitem nicht ran – weder beim Matcha noch bei den Kinky-Partys. Überhaupt … Ich bin eben Moskauer, verdammt, das ist meine Heimat, ich hab sie vermisst, wie lange soll das noch so gehen? Ich will in meine eigene Wohnung, Mama und Papa sehen, nicht mehr Gast sein …
Uljana runzelte die Stirn.
— Und was ist mit dem Einberufungsbescheid? Der gilt doch noch, oder?
— Ja … Der Bescheid. Na und? Wie läuft das denn bei denen? Die haben einen KPI: Wie viele Leute sie dem Opa zum Fraß vorwerfen. Der Opa sagt: Ich will fressen! Sie rechnen kurz nach und kommen zum Schluss: Tja, wir brauchen dreihunderttausend Mann. Was machen wir? Spielen wir Todeslotterie. Wir verschicken einfach nach dem Zufallsprinzip eine Million Einberufungsbescheide. Dreihunderttausend sind zusammengekommen, der Großvater hat sich sattgefressen, der Rest ist erst mal frei. Ich bin zurückgekommen, mein Kumpel ist zurückgekommen, noch ein paar andere Jungs auch, und nichts ist passiert, niemand hat uns geholt. Später hat sogar, glaube ich, Sobjanin gesagt: Das war’s, ihr könnt euch entspannen. So ist das doch immer in Russland: Ein flammendes Auge Saurons schießt von links nach rechts und von rechts nach links. Wen der Laserstrahl erwischt, der wird zu Scheiße verbrannt, na ja, sorry. Was habt ihr denn erwartet, das ist die Heimat, mein Sohn, die Regeln kennt jeder. Und wer rechtzeitig ausweichen konnte, sagt: Oh, gut, noch mal davongekommen, wir leben! Und feiert weiter. Na also, dann feiern wir eben weiter, was soll’s!
Weiterfeiern, wiederholte Uljana stumm. Na und.
— Ich … — Sie stand auf. — Ich geh dann wohl. Ich muss morgen früh aufstehen, wieder ins Krankenhaus.
— Hm? Ja … Na klar. Verstehe.
Auch er stand auf – um sich noch etwas nachzuschenken. Sie stellte ihre leere Tasse in die Spüle, überlegte eine halbe Sekunde und beschloss, sie auszuspülen. Hinter ihr nippte er an seinem Drink. Genoss es. Uljana drehte sich um. Es war seltsam, dass sie noch eine halbe Stunde zuvor in ihm einen schönen jungen Mann hatte sehen können.
— Gute Nacht.
— Warte —, sagte er. — Hier, nimm meinen Schlüssel. Behalt ihn. Dann musst du, falls was ist, nicht vor dem Haus herumstehen.
— Merci.
Sie wusch sich, verkroch sich in ihr Zimmer und legte sich hin.
Kaum hatte sie das Licht ausgemacht, stand sie schon wieder vor Sascha im Krankenzimmer. Wieder kam sie aus dem Krankenhausflur zu ihm herein, sah zum ersten Mal die Leere unter dem Laken, seine eingefallenen Augen mit den schwarzen Rändern, die nach oben gezogenen Mundwinkel; und dann dieses: „Wie soll ich ihn erziehen?“
Damals war Uljana sofort eine Antwort eingefallen, jetzt war sie ratlos. Sascha anzulügen war leicht gewesen, als er unter Medikamenten stand, aber jetzt war er wieder nüchtern, hatte aufgehört zu grinsen und sah sie streng an, wie ein Toter.
— Hallo. Ja, ich dachte, ich ruf dich mal richtig an, also mit Stimme. Störe ich nicht? Na, ich weiß nicht, wovon – von irgendeinem intellektuellen Podcast. Ja, so stelle ich mir deine Abende vor. Na … Zuerst arbeitest du an deinem Ruf, dann arbeitet dein Ruf für dich … Ich wollte mich einfach, sagen wir mal, vor dir verbeugen; das alles ist irgendwie so holprig gelaufen … Ja, ich ziehe meinen Hut, das Set war der Hammer. Und dein Stil … In mir haben Sie, gnädige Frau, einen treuen Bewunderer gewonnen. Es war sofort klar, dass die Vorbilder ernst zu nehmen sind. Nein, ihre Donnerstage können es überhaupt nicht mit deinen Freitagen aufnehmen! Mann, da spielt irgendein brutaler Tiersex, ich schwör’s, einem kommt der Rauch aus den Ohren. Nein, nein, du bist die Beste, ganz sicher.
Uljana stand schon vor der Tür, das Ohr ans Holz gepresst, und jedes Wort war deutlich zu hören. Kirill plauderte in der Küche, hatte aber nicht vor, sich dort einzuschließen. Er schämte sich vor seiner Cousine nicht, vielleicht hatte er sie sogar schon vergessen. Er sprang ins Eisloch, dachte an den Tod: Brrr! – und zurück in die Wärme.
— Diaaan … Was wäre, sagen wir, mit Abendessen? Nur so als Idee. Ja. Na dann morgen gleich, why not? „Lucky Izakaya“. Ja. Na, warum nicht? Unsterbliche Klassiker. Na ja, der Schwerpunkt liegt auf japanischem Essen, aber eigentlich ist es panasiatischer Fusion. Und gleich nebenan im Hof ist doch noch dieser Laden … Aha. Und danach könnten wir noch kurz ins „Level Two“ rüberkriechen. Ein bisschen. Klingt verlockend? Da legt „Gedju“ auf. Du schließt andere Künstler doch nicht völlig aus? Ganz entspannt. Ich muss selbst auch arbeiten. Morgens Yoga, abends der Heimweg? Nein, wie geht der Spruch richtig? Mittags Synagoge? Ich mach doch nur Spaß. Also gut, dann reserviere ich, ja? Juhuuu!
Sie verabschiedeten sich.
Uljana zog sich in ihr Zimmer zurück, wickelte sich wie eine Raupe in das Laken und starrte in die Schwärze. Lange ließ die Schwärze sie nicht hinein, doch am Ende verschlang sie sie doch.
• • •
Als sie schon auf dem Heimweg waren, tief in der Nacht, klingelte Maxims Handy in der Tasche. Er zog es heraus – „Mitja“. Ein weiterer Schulfreund, der sich mit Kriegsbeginn endlich aufgerafft und Israel verlassen hatte. Jahrelang hatte er gejammert, dass es so nicht weitergehen könne, und vor drei Jahren hatte er sich dann entschieden.
Marina löste eine Hand vom Lenkrad, warf einen flüchtigen Blick auf den Bildschirm und nickte Maxim zu: Na, geh ran.
— Hi, Mitjai.
— Schalom, ihr Orthodoxen! — legte er gleich los. — Na, wie habt ihr Vadik gefeiert? Ich hab ihn auch angerufen.
— Sehr nett —, sagte Maxim.
— Wo wart ihr?
— Im neuen „Pandemonium“ an der Nikitskaja.
— Bestimmt Fusionküche? Was gab’s denn Feines? Simbabwische Süßkartoffel mit iranischem Kaviar und zarte Kumquats mit jungem Hering aus Archangelsk?
— Ich weiß es schon gar nicht mehr. Aber es war lecker, leider.
— Ich dagegen erinnere mich an alles —, lachte Mitja. — Nachts träume ich von dieser Süßkartoffel. Und von jungen Kartoffeln, aufgezogen von den Novizen auf Walaam, mit Schlagsahne aus Büffelmilch. Was gab’s noch … Auf Hebräisch heißt ein Restaurant übrigens „misada“.
— Bei uns ist alles noch da, Mitja —, versicherte Maxim ihm. — Komm vorbei.
— Nein danke. Lieber kommt ihr zu uns.
— Wieso denn lieber? Ihr werdet dort ganz schön bombardiert, das zeigen sie sogar bei uns. Was sitzt ihr da noch herum? Es war schon richtig, abzuhauen.
— Na ja, an alles gewöhnt man sich —, sagte Mitja. — Stimmt’s, Max?
— Nicht an alles.
— An alles! — widersprach Mitja überzeugt. — Na, wie war’s denn? Ihr habt euch alle am Tisch versammelt. Habt ihr über den Krieg gesprochen?
„Über euren oder unseren Krieg?“, stach Maxim zurück und begann sich darüber zu ärgern, dass Mitja ihn in solche Telefongespräche hineinzwang.
„Über den Krieg mit der Ukraine.“
„Hör mal … Lass uns darüber reden, wenn wir uns sehen, ja? Hast du etwa schon vergessen, wie es hier bei uns läuft?“
„Wenn wir uns sehen …“, seufzte Mitja enttäuscht.
„Was willst du denn hören?“, sagte Maxim und rang mit der Stimme, die ihm von den sich zusammenziehenden Eingeweiden versagte. „Von den Unsrigen ist nur Andrej so richtig zum Z geworden, aber Vadik hätte ihn auch gar nicht eingeladen. Sonst … Emmka hat einen Trinkspruch gegen den Krieg gehalten. Hier verstehen alle alles, Mitja. Keiner ist dafür. Aber was können wir jetzt schon tun? Keiner kann irgendwas tun. Wir können uns höchstens einsitzen, sonst nichts.“
Marina warf ihm einen warnenden Blick zu und schüttelte den Kopf: Auch sie verstand, dass es unangebracht war, so etwas am Telefon zu besprechen, selbst über WhatsApp. Nur Mitja verstand es nicht. Früher hatte er es gewusst, jetzt aber vergessen. Er wollte sich nicht erinnern und gab demonstrativ den Sklerotiker.
„Ihr hättet wegfahren sollen, dann wäre es nicht so weit gekommen.“
„Wohin? Anders als du habe ich keinen jüdischen Opa.“
„Jeder hat einen jüdischen Opa“, verkündete Mitjai selbstsicher. „Die Frage ist nur, wie sehr es einen erwischt hat. Offenbar hat es euch bislang noch nicht erwischt.“
„Und überhaupt“, sagte Maxim verärgert. „Wieso sollten wir wegfahren? Das ist unser Land. Diese Petersburger Bande soll doch alle abhauen.“
„Unser Land!“, kicherte Mitja. „Was bist du doch für ein Süßer. Das Land des siegreichen Faschismus.“
„Und bei euch?“, fiel Maxim ihm ins Wort.
„Na, im Moment ist es akol beseder, wie man so sagt. Aber so was wie vor zwei Wochen, als die Iraner Rabatz gemacht haben, ist bisher wohl nicht wieder passiert. Zweihundert ballistische Raketen auf Tel Avivchen. Damals war’s natürlich … Früher habe ich in einem Haus ohne Mamad gewohnt, da musste ich in den Miklat rennen, und jede Nacht gab’s Azaka. Aber jetzt ist es Luxus – ich wohne in einem neuen Haus mit Mamad. Man geht einfach ins andere Zimmer, setzt sich hin und guckt einen Film.“
„Und, hast du keine Angst?“
„Doch. Na ja, Angst – man kommt gar nicht dazu, völlig durchzudrehen. Aber es ist, verstehst du, so ein Gefühl … Das ist dein Zuhause. Dein Zuhause, verstehst du? Das Land ist klein. Du steigst in die Rakévet, eine halbe Stunde später bist du in Jerusalem, und eine Stunde später in Haifa. Man hat euch angegriffen. Ihr habt geantwortet. Die haben ganz Gaza mit Tunneln durchlöchert. Unsere sind mit Panzern rein und holen sie da raus. Wenn sie alle rausgeholt haben, wird Frieden sein. Man muss einfach abwarten. Na ja, und dann ist da noch der Iran.“
„Wen alle?“
„Die Araberchen.“
„Da sind doch Zivilisten“, sagte Maxim zu ihm.
„Dort nehmen sie ab dreizehn ein Gewehr in die Hand“, teilte Mitja ihm mit. „Glaub nicht so viel, was im Fernsehen kommt.“
„Ist das nicht dasselbe wie bei uns?“, fragte Maxim. „Klingt ziemlich ähnlich.“
Marina gab ihm zu verstehen, dass es langsam Zeit war, Schluss zu machen. Außerdem waren sie fast zu Hause.
„Das ist überhaupt nicht dasselbe“, antwortete Mitja.
„Aber es gibt viele Ähnlichkeiten“, sagte Maxim zum Abschied.
Erst drei Jahre waren vergangen, und schon sprach der Mensch eine unverständliche Sprache und dachte auch in ihr. Als er noch in Moskau gelebt hatte, hatten sie sich irgendwie mit halben Worten verstanden.